Fair und respektvoll

Von Ulf Krone.

Es ist immer wieder überraschend, welche Ämter und Aufgaben noch nie von einer Frau übernommen worden sind – so wie das der Stadtverordnetenvorsteherin in der Kreisstadt, der sogenannten „ersten Bürgerin“. Das ist nun in Person von Julia Hartmann von der CDU tatsächlich zum ersten Mal mit einer Frau besetzt worden. Was die Aufgaben und Feinheiten sind, die das Amt mit sich bringt, was ihr besonders wichtig ist und wo es bei der Gleichstellung der Frau nach wie vor hapert, hat sie WIR-Redakteur Ulf Krone im Gespräch verraten.

Nach einer erfolgreichen Wahl haben Sie in der Kreisstadt als erste Frau das Amt der Stadtverordnetenvorsteherin angetreten. Stellen Sie sich unseren Lesern bitte einmal kurz vor!

Julia Hartmann: Ich bin in Groß-Gerau geboren, 43 Jahre alt, verheiratet und Mutter zweier Söhne (6 und 9). Ich arbeite als PTA in einer örtlichen Apotheke und engagiere mich seit vielen Jahren mit großer Leidenschaft ehrenamtlich und kommunalpolitisch. Zur Politik bin ich über die Junge Union gekommen. Ende 2013 rückte ich schließlich in die Stadtverordnetenversammlung nach. Dort hatte ich zuerst im Kultur- und Sportausschuss und später im Sozialausschuss einen Sitz, im letzteren dann als Vorsitzende.

Neben Politik und Beruf brauche ich auch kreative Ausgleiche. Ich liebe es, aufwendige Torten, Cupcakes und detailreiche Kekse zu backen und zu verzieren. Wenn die Küchenmaschine summend einen Teig rührt, ist das meine Entspannungsmusik. Außerdem höre ich gerne Musik und gehe mit Begeisterung auf Konzerte, liebe gutes Essen und tauche beim Lesen am liebsten in Fantasywelten ein. Besonders das Harry-Potter-Universum hat es mir angetan, zurzeit liegen aber die Bücher von Sarah J. Maas und Rebecca Yarros auf meinem Nachttisch. Zum Abschalten höre ich außerdem gerne True-Crime-Podcasts.

Was sind eigentlich genau die Aufgaben einer Stadtverordnetenvorsteherin?

Julia Hartmann: Sie leitet die Sitzungen des Stadtparlaments und achtet darauf, dass Debatten fair, respektvoll und nach den demokratischen Regeln geführt werden. Gleichzeitig ist sie Ansprechpartnerin für die Fraktionen und repräsentiert das Stadtparlament bei offiziellen Anlässen. Kurz gesagt: Das Amt verbindet Organisation, Vermittlung und Repräsentation und lebt davon, unterschiedliche Meinungen zusammenzuführen, ohne den Respekt voreinander zu verlieren.

Von einer Stadtverordnetenvorseherin wird im Amt Neutralität verlangt. Fällt Ihnen das leicht?

Julia Hartmann: Neutralität bedeutet für mich nicht Beliebigkeit. Natürlich habe ich politische Überzeugungen, sonst wäre ich vermutlich nie in die Politik gegangen, aber im Amt steht die faire Leitung der Sitzung und der respektvolle Umgang mit allen demokratischen Kräften im Vordergrund. Das gelingt gut, wenn man sich immer bewusst macht, dass man diesem Amt nicht für sich selbst dient, sondern der demokratischen Kultur insgesamt.

In ihrem neuen Amt können Sie durchaus auch selbst Themen setzen. Was sind die Dinge, die Ihnen besonders wichtig sind oder am Herzen liegen?

Julia Hartmann: Mir ist wichtig zu zeigen, dass politisches Engagement, Familie, Beruf und persönliche Leidenschaften zusammenpassen können. Gerade Frauen möchte ich ermutigen, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen, denn unsere Gesellschaft lebt davon, dass viele unterschiedliche Menschen sie mitgestalten. Außerdem ist mir ein respektvoller Umgang in politischen Debatten wichtig. Wir erleben gesellschaftlich oft eine Verrohung des Tons, und ich finde, gerade auf kommunaler Ebene müssen wir zeigen, dass Streit in der Sache und Anstand im Umgang kein Widerspruch sind.

Als Mutter zweier Söhne sind sie es gewohnt, im Alltag jonglieren zu müssen. Zu Sitzungen können Sie sie inzwischen mitnehmen. Wo stehen wir in dieser Hinsicht Ihrer Meinung nach heute in Deutschland? Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Julia Hartmann: Es hat sich vieles verbessert, aber wir sind noch lange nicht dort, wo wir sein sollten. Es hängen viele Strukturen noch an Lebensrealitäten aus einer Zeit, in der politische Ämter überwiegend von Männern ausgeübt wurden, die familiär oft entlastet waren.

In den Köpfen der Gesellschaft muss ankommen, Mütter für ihr Engagement zu feiern, nicht zu verurteilen. Einen Vater fragt niemand, wo denn eigentlich seine Kinder sind, wenn er unterwegs ist. Frauen werden schnell als „Rabenmütter“ abgestempelt während Männer schon dafür gefeiert werden, wenn sie mit ihren eigenen Kindern einen Spielplatz besuchen. Wir brauchen außerdem eine größere Selbstverständlichkeit dafür, dass Kinder eben Teil des Lebens sind.

Die „erste Bürgerin“ hat auch eine repräsentative Funktion und steht für unsere demokratische Grundordnung, die aktuell von immer mehr Menschen in Frage gestellt wird. Welche Rolle spielt die Politik auf kommunaler Ebene bei der Verteidigung unserer Demokratie?

Julia Hartmann: Die kommunale Ebene ist das Fundament unserer Demokratie. Hier erleben Bürgerinnen und Bürger ganz konkret, ob Politik funktioniert, ob man gehört wird und ob unterschiedliche Meinungen friedlich zusammenfinden können. Gerade deshalb tragen wir vor Ort eine besondere Verantwortung. Demokratie verteidigt man nicht nur in großen Reden, sondern im Alltag: durch Transparenz, Respekt, Beteiligung und klare Haltung gegen Extremismus. Ich glaube, viele Menschen sehnen sich gerade nach Politik, die nahbar, lösungsorientiert und menschlich bleibt. Und genau das kann Kommunalpolitik leisten.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert