Nachwuchs gesucht

Von Ulf Krone.

Wenn diese Ausgabe erscheint, findet in der Kreisstadt gerade der Tag des Handwerks statt, die ideale Gelegenheit für junge Menschen, einmal in die verschiedenen Handwerksberufe hineinschnuppern zu können. Und da das Handwerk besonders vom Fachkräftemangel betroffen ist, ist es umso wichtiger, Kindern und Jugendlichen wieder den Wert handwerklicher Tätigkeiten zu vermitteln, nicht zuletzt, da auch künstliche Intelligenz nicht den Fachmann ersetzt, der unter Putz eine elektrische Leitung verlegt, einen Dachstuhl setzt oder einen Wasserrohrbruch behebt. Wie man mit diesen Themen bei der Kreishandwerkerschaft Groß-Gerau umgeht, hat Wir-Redakteur Ulf Krone beim Geschäftsstellenleiter Nils Kliesing nachgefragt.

Ende Juli haben insgesamt 93 frischgebackene Gesellinnen und Gesellen ihre Gesellenbriefe erhalten, und wenn diese Ausgabe erscheint, findet der Tag des Handwerks auf dem Marktplatz in Groß-Gerau statt. Wie ist im Handwerk im Kreis aktuell die Situation im Hinblick auf den Nachwuchs, Stichwort Fachkräftemangel?

Nils Kliesing: Der Fachkräftemangel ist im Handwerk weiterhin deutlich spürbar. Zwar hat sich der Druck durch die schwächere Konjunktur etwas verringert, die grundlegenden Herausforderungen bestehen aber fort. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer-Generation wird sich die Situation in den kommenden Jahren voraussichtlich weiter verschärfen. Hinzu kommt, dass die Ausbildungszahlen aus unterschiedlichen Gründen in einigen Gewerken rückläufig sind. Dadurch geraten regionale Berufsschulstandorte zunehmend unter Druck. Für Auszubildende bedeutet das oft längere Fahrtwege und zusätzliche Hürden während der Ausbildung. Gerade für junge Menschen dürfte dies ein wichtiger Faktor bei der Berufswahl sein.

Deshalb sind Veranstaltungen wie der Tag des Handwerks für uns besonders wichtig. Dort können Schülerinnen und Schüler viele Berufe nicht nur kennenlernen, sondern an verschiedenen Stationen selbst aktiv werden und typische Tätigkeiten ausprobieren. Besonders wichtig ist uns dabei die Beteiligung von Auszubildenden aus den Betrieben. Sie berichten aus erster Hand von ihren Erfahrungen, ihrem Ausbildungsalltag und ihren Zukunftsaussichten. Diese direkten Gespräche sind oft deutlich überzeugender als jede Broschüre oder Berufsberatung.

Wie groß ist unter jungen Menschen das Interesse am Handwerk? Gibt es eine Tendenz, die die Unternehmen beobachten?

Nils Kliesing: Eine verlässliche Bewertung können wir erst im Herbst vornehmen, wenn die aktuellen Ausbildungszahlen vorliegen. Unser Eindruck ist jedoch, dass das Interesse am Handwerk wieder zunimmt.

Ein Grund könnte sein, dass viele junge Menschen erkennen, wie krisenfest und zukunftssicher handwerkliche Berufe sind. Während gerade in kaufmännischen Bereichen zunehmend über die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz diskutiert wird, bleibt das Handwerk auf Menschen angewiesen, die mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten ganz praktische Probleme lösen können.

Was ist notwendig, um junge Menschen heutzutage für das Handwerk zu begeistern?

Nils Kliesing: Junge Menschen müssen Handwerk praktisch erleben können. Es reicht nicht, Berufe nur zu beschreiben. Man muss zeigen, wie der Arbeitsalltag aussieht und welche Chancen eine Ausbildung eröffnet.

Wichtig ist dabei auch Ehrlichkeit. Es bringt nichts, ein idealisiertes Bild eines Berufs zu vermitteln. Nehmen wir das Tischlerhandwerk als Beispiel: Viele verbinden damit das Herstellen individueller Möbelstücke. Das gehört zwar zum Beruf, die Realität besteht aber häufig aus Fenster-, Türen- oder Küchenmontagen.

Wo sehen Sie da noch Nachholbedarf, und was würden Sie sich diesbezüglich von der Politik wünschen?

Nils Kliesing: Ausbildung ist für Handwerksbetriebe zunächst eine Investition, die mit erheblichem zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden ist. Deshalb braucht es Rahmenbedingungen, die Betriebe beim Ausbilden unterstützen. Mit der Meisterprämie hat das Land Hessen bereits ein wichtiges Signal gesetzt und die Attraktivität des Meisterbriefes gestärkt. In Verbindung mit dem Aufstiegs-BAföG eröffnet das vielen jungen Menschen gute Perspektiven für die berufliche Weiterbildung.

Darüber hinaus würden wir uns eine stärkere Unterstützung insbesondere für kleine Handwerksbetriebe wünschen. Gerade diese Betriebe leisten einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung, stoßen aber häufig an ihre personellen und finanziellen Grenzen. Hier könnten gezielte Förderprogramme zusätzliche Ausbildungsplätze ermöglichen.

Ob auf der Freisprechungsfeier oder auf der Homepage der Kreishandwerkerschaft, überall begegnet man Paul, dem neugierigen Maulwurf, dem neuen Maskottchen des Handwerks. Was hat es damit auf sich?

Nils Kliesing: Wir haben uns im vergangenen Jahr bewusst dazu entschieden, deutlich früher mit der Berufsorientierung zu beginnen. Eltern und Erziehungsberechtigte haben einen großen Einfluss auf die spätere Berufswahl ihrer Kinder. Aus diesem Ansatz ist Paul entstanden. Wir möchten mit ihm bereits im Kita-Alter und darüber hinaus die Begeisterung dafür wecken, mit den eigenen Händen etwas zu erschaffen und Ideen in die Tat umzusetzen.

Den Anfang machen unsere Projekte in den Kitas. Dafür haben wir verschiedene Mitmachangebote entwickelt, bei denen die Kinder mit echten Materialien aus den jeweiligen Handwerksberufen arbeiten. Dabei geht es nicht nur um das Zusammen-Bauen, sondern darum, selbst etwas zu schaffen und am Ende stolz auf das eigene Ergebnis zu sein. Solche Erfahrungen fördern Kreativität, stärken das Selbstvertrauen und machen Lust darauf, Neues auszuprobieren. Das Angebot wird bald für alle Kitas im Kreis zur Verfügung stehen. Paul, unser Handwerksmaulwurf, begleitet unsere Aktionen und hilft dabei, Aufmerksamkeit zu schaffen. Er kommt bei Kindern gut an und sorgt dafür, dass das Handwerk positiv und spielerisch im Gedächtnis bleibt.

Weshalb ist es so wichtig, schon die Jüngsten ins Handwerk hineinschnuppern zulassen, sie mit dem Wert des Handwerks vertraut zu machen?

Nils Kliesing: Handwerkliche Tätigkeiten spielen heute in vielen Familien nicht mehr die Rolle, die sie früher einmal hatten. Oft erleben Kinder im Alltag deutlich seltener, wie beispielsweise ein Schrank aufgebaut oder ein Regal an der Wand montiert wird. Dadurch fehlen wichtige Berührungspunkte mit dem Handwerk. Genau deshalb müssen wir neue Wege finden, um Interesse und Begeisterung für das eigene Schaffen zu wecken. Wenn Kinder früh erleben, dass sie mit ihren Händen etwas bauen, gestalten oder reparieren können, entsteht Selbstvertrauen und ein ganz anderes Verständnis für handwerkliche Leistungen.

Neue Technologien wie Künstliche Intelligenz sind spannend und werden viele Bereiche unseres Lebens verändern. Das Handwerk werden sie jedoch auf absehbare Zeit nicht ersetzen. Umso wichtiger ist es, jungen Menschen früh zu zeigen, welche Chancen und Perspektiven in den handwerklichen Berufen stecken.

Was Auszubildende über die Arbeit im Handwerk sagen

Auch wenn die schwache Konjunktur das Problem aktuell etwas dämpft, bleibt der Fachkräftemangel, gerade auch im Handwerk, eine der großen Herausforderungen heimischer Unternehmen. Dabei kann gerade die Arbeit im Handwerk eine äußerst erfüllende sein, weil man direkt und sehr gegenständlich sehen kann, was man geschafft hat. Darüber hinaus sind handwerkliche Berufe zumeist äußerst abwechslungsreich und weit weg von monotoner Schreibtischarbeit, wenngleich natürlich auch hier mit der deutschen Bürokratie gekämpft wird. Am besten können natürlich die Auszubildenden selbst sagen, was sie an ihrem Handwerksberuf begeistert. Deshalb haben wir vier aus ganz unterschiedlichen Berufsrichtungen einmal gefragt, wie ihnen die handwerkliche Arbeit gefällt.

Mila Noelani Reichert, 20 Jahre, Beruf: Tischlerin

Wieso hast Du Dich für eine Ausbildung im Handwerk entschieden?

Ich fand die Arbeit mit den Händen schon immer sehr ansprechend. Ein Job in einem Büro, wo man sich immer am selben Ort befindet, ist nichts für mich.

Was hat Dich gerade an dieser Ausbildung interessiert?

Mich hat an der Ausbildung das Arbeiten mit dem Werkstoff Holz interessiert. Holz ist ein wunderbarer Werkstoff, der eine gewisse Wärme ausstrahlt und den man vielseitig verarbeiten kann.

Und die wichtigste Frage zum Schluss: Wie gefällt es Dir, hast Du die richtige Entscheidung getroffen?

Mir gefällt meine Ausbildung gut. Sie ist abwechslungsreich und vermittelt praktische Skills, die man auch im Alltag gebrauchen kann.

Martim De Sao Brás Benvinda 18 Jahre, Beruf: Metallbauer (Fachrichtung Konstruktionstechnik)

Wieso hast Du Dich für eine Ausbildung im Handwerk entschieden?

Durch Einblicke in andere Berufsrichtungen habe ich gemerkt, dass das Handwerk mir am besten gefallen hat.

Was hat Dich gerade an dieser Ausbildung interessiert?

Die Herstellung verschiedener Konstruktionen und der Ablauf, wie sie hergestellt werden.

Und die wichtigste Frage zum Schluss: Wie gefällt es Dir, hast Du die richtige Entscheidung getroffen?

Ja, ich bin mit meiner Entscheidung zufrieden. Die Arbeit macht mir Spaß, und ich lerne viele neue Sachen.

Michael Panek, 18 Jahre, Beruf: Maler und Lackierer (Fachrichtung Gestaltung und Instandhaltung)

Wieso hast Du Dich für eine Ausbildung im Handwerk entschieden?

Weil es für mich eine vielseitige Ausbildung ist und ich gerne mit den Händen arbeite.

Was hat Dich gerade an dieser Ausbildung interessiert?

An der Ausbildung zum Maler hat mich die Vielseitigkeit des Berufs begeistert. In meinem Ausbildungsbetrieb machen wir Fußboden-, Trockenbau-, Verputz-, Tapezier- und Malerarbeiten.

Und die wichtigste Frage zum Schluss: Wie gefällt es Dir, hast Du die richtige Entscheidung getroffen?

Ja für mich war es die richtige Entscheidung.

Leonie Hillenbrand, 19 Jahre, Beruf: Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik

Wieso hast Du Dich für eine Ausbildung im Handwerk entschieden?

Um etwas zu machen, bei dem ich am Ende vom Tag sehe, was ich gemacht habe.

Was hat Dich gerade an dieser Ausbildung interessiert?

Die Vielfältigkeit der Ausbildung.

Und die wichtigste Frage zum Schluss: Wie gefällt es Dir, hast Du die richtige Entscheidung getroffen?

Mir gefällt es gut, die Arbeit ist manchmal hart, aber dafür merke ich, was ich erreicht habe.

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