Eine gesellschaftliche Aufgabe

Von Ulf Krone.

Groß-Geraus Integrationskommission ist offiziell in ihre zweite Legislaturperiode gestartet. Nach der Kommunalwahl war sie neu gebildet worden und hat nun die konstituierende Sitzung im Stadtmuseum hinter sich gebracht. Qua Amt ist Bürgermeister Jörg Rüddenklau (SPD) Vorsitzender, zum Stellvertreter wurde Diego Parejo Pizarro gewählt, der diese Position schon in der ersten Legislaturperiode der noch jungen Einrichtung bekleidet hatte. (Foto: Kreisstadt Groß-Gerau/Jörg Monzheimer (v.l.) Dawood Mubashar, Oksana Krimmel, Sylvia Tausend, Nisha Menon, Diego Parejo Pizarro, Chayaphat Friedrich, Cristina Reinhardt, Lubna Siddhu, Bürgermeister Jörg Rüddenklau und Bruno Walle).

Hinzu kommen die sogenannten sachkundigen Einwohner Nisha Menon, Serpil Tug, Oksana Krimmel, Lubna Siddhu, Chayaphat Friedrich, Samadoon Mohamed und Dawood Mubashar, die aus ganz unterschiedlichen Ländern kommen und dadurch auch viele verschiedene Facetten migrantischer Lebensgeschichten und -situationen in der Kreisstadt repräsentieren. Ihnen zur Seite stehen in der Kommission die Erste Stadträtin Susanne Theisen-Canibol (SPD) sowie die Stadtverordneten Abraham Naduvilezhath (CDU), Cristina Reinhardt (SPD), Maria Richter (Grüne), Bruno Walle (Linke), Wolfgang Zwer (Freie Wähler) und Sylvia Tausend (Kombi-FWG) als Vertreter der Politik.

Im Gespräch mit Diego Parejo Pizarro, Andreja Baur vom Sozial- und Integrationsbüro und Jörg Monzheimer von der Pressestelle der Stadt erfahre ich, dass jede Kommune mit mehr als 1.000 ausländischen Einwohnern entweder einen Ausländerbeirat oder eine Integrationskommission bilden muss. In Groß-Gerau, wo aktuell etwa 6.500 ausländische Menschen leben, hatte man sich für die Kommission entschieden, nachdem sich nicht genügend Bewerber für einen Ausländerbeirat gefunden hatten.

„Die Hauptaufgaben der Integrationskommission sind, kurz gesagt, zum einen die Interessen der Migranten gegenüber der Stadt zu vertreten und zum anderen die Stadt in Migrationsfragen zu beraten“, erläutert Diego Parejo Pizarro das Tätigkeitsfeld der 16-köpfigen Kommission. Die hat beispielsweise die Möglichkeit, eine Stellungnahme für die Stadtverordnetenversammlung zu verfassen, aber das habe es bislang noch nicht gegeben. Bisher hat man eher eine beratende Funktion eingenommen. Die erste Legislaturperiode war zum Eingewöhnen, da sei noch zu wenig passiert, gibt sich Diego Parejo Pizarro selbstkritisch. Jetzt wolle man tatsächlich die Initiative ergreifen.

Unterstützt wird die Kommission dabei von Andreja Baur von der Stadt: „Wir berichten aus dem Sozial- und Integrationsbüro, was die Themen sind, die bei uns in der Sozialberatung auftreten, um gerade den sachkundigen Experten zusätzlich Input zu geben darüber, was wir denn in der Stadt tun, welche Menschen wir erreichen und welche Themen diese Menschen beschäftigen.“

Nah dran zu sein an der – in diesem Fall vor allem migrantischen – Bevölkerung, ist natürlich von Vorteil, da das Vertrauen erzeugt, weil man dieselbe Lebenswelt teilt. Und so sollen nun auch ganz konkret Vorschläge zu bestimmten Themen erarbeitet werden. Darüber hinaus ist Diego Parejo Pizarro das Thema Vernetzung sehr wichtig, denn bloß so kann die Kommission auch eine gewisse Wirkkraft entfalten. Bislang sei es kaum zu Kontakten mit Migranten und deren Organisationen gekommen, was sich ändern müsse. Man habe verstanden, dass die Menschen die Angebote kaum annehmen, weil sie sich aufgrund von Sprachbarrieren und kultureller Unsicherheit nicht trauen. Daher müsse man aktiv zu den Menschen gehen und sie da abholen, wo sie sind.

Die über 80 gewählten kommunalen Ausländerbeiräte in Hessen haben mit der Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte Hessen – Landesausländerbeirat (agah-LAB) einen Dachverband, über den sie sich vernetzen. Für Integrationskommissionen, die Alternative zum Ausländerbeirat – was jede Kommune selbst entscheidet – gibt es keine solche Organisation. Doch seit dem vergangenen Jahr habe sich etwas getan, sagt Diego Parejo Pizarro. Im Kreis sei man inzwischen auch mit den Ausländerbeiräten gut vernetzt. Man habe ja schließlich dieselben Ziele und dieselben Probleme.

Dennoch bleibt das Problem, dass die agah-LAB die Ausländerbeiräte zu diesem Thema aktiv unterstützt, etwa durch Schulungen, Informationsveranstaltungen und Kommunikationstrainings, solche Unterstützung den Integrationskommissionen allerdings immer noch fehlt, was gerade den Start deutlich erschwert. Laut Diego Parejo Pizarro musste man sich anfangs erst einmal darüber klar werden, wie man das eigene Amt und das Aufgabenfeld der Kommission überhaupt versteht. Eher wie Feuerwehr und Polizei, dass man da ist, wenn man gebraucht wird, oder doch eher aktiv und eigeninitiativ Dinge anstoßend?

Nichtsdestotrotz haben die sachkundigen Einwohner in der Kommission bereits gut mit der Politik zusammengearbeitet, etwa bei den Interkulturellen Wochen und anderen Veranstaltungen. Bei den Interkulturellen Wochen und dem Straßenfest in Springberg ist man genauso präsent gewesen wie beim Aktionstag für Demokratie und Menschenrechte. Doch das könne nur ein Anfang sein, so Diego Parejo Pizarro, der sich etwa auch eine monatliche Sprechstunde für Ausländer vorstellen kann, Hauptsache man kommt miteinander ins Gespräch. Allerdings hatte man beim früheren Ausländerbeirat schon eine solche Sprechstunde angeboten, berichtet Andreja Baur. Die sei aber eigentlich gar nicht angenommen worden, weshalb Diego Parejo Pizarro überlegt, das Angebot direkt zu den Menschen in die Flüchtlingsunterkünfte zu bringen.

Auch die Idee für einen internationalen Stadtrundgang gibt es, auf dem den Spuren, die Migranten in Stadt und Gesellschaft hinterlassen haben, wortwörtlich nachgegangen wird. Denn den Mitgliedern der Integrationskommission ist klar, dass es gerade im Lichte der aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland wichtig ist, miteinander ins Gespräch und durch Informationen und Einblicke zu einem grundsätzlichen Verständnis füreinander zu kommen.

„Deshalb ist es wichtig, Begegnungsräume zu schaffen, denn wenn ich einander begegne, dann kann ich Vorurteile abbauen, und nur wenn ich miteinander ins Gespräch gehe, erfahre ich wirklich etwas über die andere Person und stelle fest: die ist gar nicht so viel anders als ich.“ Bei der Stadt freut man sich, Menschen gefunden zu haben, die bereit sind, sich zu engagieren. Denn gerade im Netz reicht solches Engagement oft schon aus, zur Zielscheibe für rechte Hetze und Hasskommentare zu werden. Es ist also keine Selbstverständlichkeit, wenn sich Menschen heutzutage noch ehrenamtlich politisch, sozial oder ökologisch engagieren. Auch auf den städtischen Social-Media-Kanälen komme es immer wieder zu Kommentierungen von Beiträgen, wie Jörg Monzheimer berichtet. Sehr diplomatisch fügt er hinzu, die Kommentare seien „sehr kritisch bis unter der Gürtellinie“ liegend. Besonders im Internet ist das leider oft nicht mehr die Ausnahme.

Nicht zuletzt deshalb sind sich alle einig, dass nur der Dialog, dass nur Kommunikation und Information helfen können, die gesellschaftlichen Risse zu kitten. Denn eigentlich geht es uns allen sehr gut in Deutschland. Aus unseren Wasserhähnen kommt Trinkwasser, und wenn wir krank werden, dann gehen wir zu einem Arzt oder in ein Krankenhaus. Wenn ich über unser Staatsoberhaupt, einen Bischof, einen Fußballverein oder die Politik einer Partei Witze machen möchte, dann darf ich das. Ich werde dafür nicht verhaftet oder mein Haus angezündet. Das alles steht inzwischen auf dem Spiel.

Die Integrationskommission in der Kreisstadt geht in schwierigen Zeiten in ihre zweite Legislaturperiode, doch die Motivation ist bei allen Beteiligten groß – und der gesellschaftliche Bedarf ganz offensichtlich ebenfalls.

Kreisstadt Groß-Gerau

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