Der Radzirkel Groß-Gerau

Von Ulf Krone.

Radfahren ist günstig, gesund, umweltfreundlich und innerhalb der Städte und Gemeinden oft genug sogar schneller als das Auto. Noch dazu sind klassische Fahrräder – im Gegensatz zu E-Bikes – kein Hexenwerk, Defekte können in der Regel mit etwas Know-how und dem richtigen Werkzeug selbst repariert werden. Das war bis vor einigen Jahren auch in der Fahrradwerkstatt im historischen hinteren Teil des Diakoniegebäudes in der Schützenstraße 4 möglich – bei „Fahrrad-Bernd“, der das Projekt damals maßgeblich trug. Doch nach seinem Tod verwaiste die Werkstatt. Zur Eröffnung Ende September kamen Carmen Friedel vom Nähcafé zur Freude von Lucian Lazar (5.v.l.), Leiter des Regionalen Diakonischen Werks, Olaf Löhmer (4.v.r.), Sozialraum-Koordinator des Diakonie-Projekts „mitWIRken“, sowie der Ehrenamtlichen mit einem Spendenscheck über 500 Euro.

Begleitet von Olaf Löhmer und Grazyna Matoga, Sozialraum-Koordinatoren des Projekts der Diakonie, haben Geflüchtete aus Afghanistan, Äthiopien, der Ukraine gemeinsam mit Wohnungslosen des Übernachtungsheims Schützenstraße die Werkstatt seit Juli auf Vordermann gebracht und wieder betriebsfertig gemacht. Nun steht diese immer montags zwischen 14 und 18 Uhr allen Menschen offen, die ihr Fahrrad selbst reparieren möchten – mit kompetenter Anleitung durch das achtköpfige Team, zu dem neben den Geflüchteten Andu, Tamim, Emal und Sergej auch Andreas, Jan und Sven vom Übernachtungshaus sowie Reiner Kiehn, stellvertretender Leiter der Radsportabteilung des SV Blau-Gelb, gehören.

Anlässlich der Eröffnung des Radzirkels verriet Olaf Löhmer, dass es einfach gewesen sei, unter den Geflüchteten Menschen mit technischer Kompetenz zu finden. Doch natürlich sucht man auch weiterhin nach Freiwilligen, die sich in dem Projekt engagieren möchten, vor allem, weil sich die Verantwortlichen einen zweiten Öffnungstag in der Woche sehr gut vorstellen können. Doch dafür braucht es ein großes Team, denn die Geflüchteten haben auch Termine, auf Ämtern, bei Vorstellungsgesprächen, und manch einer geht bereits einer geregelten Arbeit nach.

Die Bereitschaft, sich für den Radzirkel zu engagieren, sei dennoch von Anfang an groß gewesen, sagt Olaf Löhmer, ähnlich wie die Spendenbereitschaft. Diese zeigte sich bereits bei der Eröffnung, als Carmen Friedel vom Nähcafé eine Spende in Höhe von 500 Euro aus Verkaufserlösen an das Team der Fahrradwerkstatt überreichte. Denn Bedarf gibt es immer. So benötigt man aktuell noch einen Zentrierständer sowie einen Internet-fähigen Laptop oder ein Tablet, um nach Ersatzteilen suchen oder sich Anleitungen, Baupläne oder Tutorials ansehen zu können. Darüber hinaus stehen Verschleißteile und Verbrauchsmaterial wie Öl immer auf der Wunsch- beziehungsweise Einkaufsliste. Natürlich können auch komplette Fahrräder gespendet werden. Die nehmen die Mitarbeiter der kreisstädtischen Tafel immer freitags von 10 bis 14 Uhr in der Sudetenstraße 47 entgegen.

Die liebevoll eingerichtete Werkstatt verfügt dank Sponsoren jetzt schon über fast alles, was zur kompetenten Reparatur eines normalen Fahrrads benötigt wird. Vom verdrehten Lenker über den platten Reifen bis hin zu Problemen mit der Schaltung ist man auf alles vorbereitet, bloß nicht auf moderne E-Bikes, die mit ihrer komplizierten Elektronik in die Hände einer entsprechenden Fachkraft gehören. Bei Fragen stehen die Mitarbeiter den Menschen mit Rat und Tat zur Seite, und sollte einmal niemand weiter wissen, kann immer noch auf Internet-Recherche und Tutorials zurückgegriffen werden – wenn man irgendwann auch über ein Internet-fähiges Endgerät verfügt.

Lucian Lazar, Leiter des Regionalen Diakonischen Werks, Olaf Löhmer, Sozialraum-Koordinator des Diakonie-Projekts „mitWIRken“, sowie die Ehrenamtlichen Tamim und Emal (v.l.) bei der Eröffnung des Radzirkels in der Schützenstraße 4

Anlässlich der offiziellen Eröffnung des Radzirkels unterstrich Lucian Lazar, Leiter des Regionalen Diakonischen Werks Groß-Gerau/Rüsselsheim, die Bedeutung, die dieses Projekt über die reine Fahrrad-Reparatur hinaus besitzt. Zum einen leisten die Beteiligten Hilfe zur Selbsthilfe und sorgen dafür, dass die betroffenen Menschen mobil bleiben. Zum anderen trägt das Ganze auch noch zum Umweltschutz bei, indem alte Fahrräder repariert statt entsorgt oder für Ersatzteile weiterverwertet werden. Es entsteht eine Art Kreislaufwirtschaft, die Ressourcen schont und die klimafreundliche Fortbewegung in der Kreisstadt fördert. Darüber hinaus kann die Arbeit beim Radzirkel helfen, das Selbstbewusstsein der ehrenamtlich Engagierten zu stärken und ihnen das Gefühl vermitteln, eine sinnvolle Arbeit für die Gesellschaft zu leisten. Ganz abgesehen davon, dass der Radzirkel ganz automatisch auch zur Begegnungsstätte zwischen Einheimischen und Migranten wird und so das gegenseitige Verständnis und ein freundschaftliches Miteinander fördert.

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