Gerechter unter den Völkern

Von Ulf Krone.

Wilhelm Hammann, geboren am 25. Februar 1897 in Biebesheim, ist bis heute der einzige Bürger aus dem Kreis Groß-Gerau, dem der Titel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen wurde.

Mit der Einrichtung der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem 1954 in Israel hatten es sich die Beteiligten neben der Erinnerung an die Ermordeten auch zur Aufgabe gemacht, nicht-jüdische Menschen zu identifizieren, die ihr eigenes Leben riskiert hatten, um jüdisches zu retten, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen – die Gerechten unter den Völkern. Bis 2025 wurden 28.707 Gerechte aus 44 Ländern anerkannt, darunter nur 666 Deutsche, einer von ihnen Wilhelm Hammann.

Bernd Heyl, der fast 40 Jahre Lehrer an der Martin-Niemöller-Schule in Riedstadt gewesen ist und sich aktiv in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) des DGB engagiert, hat sich nach seinem 2021 erschienenen Buch „Namibische Gedenk- und Erinnerungsorte. Postkolonialer Reisebegleiter in die deutsche Kolonialgeschichte.“ (siehe WIR 334) mit der Biografie Wilhelm Hammanns erneut ein prägendes Kapitel deutscher Geschichte vorgenommen. Fakten- und kenntnisreich zeichnet er das Leben Wilhelm Hammanns und die entscheidenden Momente darin nach, von der Kindheit in der Landgemeinde Biebesheim über die für ihn äußerst prägende Zeit des 1. Weltkriegs und die Zeit als Lehrer in Wixhausen bis zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, die Internierung ins KZ Buchenwald, wo er 159 jüdische Jungen vor dem Todesmarsch bewahrte, und schließlich die Nachkriegszeit, in der er zwischenzeitlich das Amt des Landrats im Kreis Groß-Gerau innehatte.

Indem er mit zahlreichen Belegen die gesellschaftliche Entwicklung jener Zeit nachzeichnet, macht Bernd Heyl deutlich, dass Wilhelm Hammanns Handeln nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern ein Produkt seines Lebens und der gesellschaftlichen Umstände in dieser Zeit gewesen ist. Denn hineingeboren worden war er ins Proletarier-Milieu, sein Stiefvater arbeitete bei der Bahn, seine Mutter war Hebamme. Schon sein Stiefvater galt im Ort als „Roter“, und auch Wilhelm Hammann engagierte sich Zeit seines Lebens für Sozialismus und Kommunismus, was vor allem mit seinen Erfahrungen im 1. Weltkrieg zu tun hatte. Seinen Kriegsdienst hatte er im September 1916 angetreten, war in Belgien und Russland gewesen und hatte das Kriegsende als Flugschüler in Halle erlebt. Dort war er Teil der Revolution gewesen, die mit dem Kieler Matrosenaufstand am 6. September 1918 begonnen hatte und auch auf Halle und die Soldaten der Fliegerersatzabteilung, darunter Wilhelm Hammann, übergesprungen war.

Über der Frage der Haltung zum Krieg zerbrach die SPD, woraufhin sich Wilhelm Hammann der 1917 gegründeten Unabhängigen sozialdemokratischen Partei Deutschland (USPD) anschloss, die eine Abkehr von der Kriegspolitik forderte. 1922 trat er seine Lehrerstelle in Wixhausen an, wo er sich auch als Freidenker engagierte, als Nicht-Gläubiger und vehementer Kirchenkritiker, der die konsequente Trennung von Kirche und Staat einforderte. Während Kirchenvertreter 1933 „die Befreiung vom Bolschewismus“ durch die Nationalsozialisten feierten, wurde Hammann verhaftet und mit anderen in der ehemaligen Marktplatzschule in Groß-Gerau, die den Nazis als Gefängnis und Folterkeller diente, schwer misshandelt. 1935 wurde er schließlich zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, von wo er 1938 ins KZ Buchenwald kam, wo er sechs Jahre und acht Monate in „Schutzhaft“ verbrachte. Als Blockältester im Kinderblock 8 gelang es ihm am Ende des 2. Weltkriegs, so wie Anton Kalina im Kinderblock 66, viele der Kinder vor dem Todesmarsch zu bewahren, auf den sie eigentlich hatten geschickt werden sollen. Am 18. Juli 1984 ist er dafür von der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern geehrt worden. Er ist bis heute Vorbild und ein strahlendes Beispiel für Anstand, Moral und Menschlichkeit, dem Bernd Heyl mit seiner fundierten Biografie nun ein Denkmal gesetzt hat.

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