Wenn Bücherliebe nicht reicht

Von Axel Schiel.
Seit 2019 führt Christina Müllender die Buchhandlung in der Villa Herrmann in Gustavsburg. Ende 2026 schließt sie ihr Geschäft. Im Podcast „Druckreif – Das Redaktionsgespräch“ sprach sie mit Gastgeber Axel Schiel offen über wirtschaftliche Realität, verändertes Kaufverhalten und ihre große Leidenschaft für Bücher.
„Was sagt die Betriebswirtschaftlerin, wenn sie sich die Zahlen einer Buchhandlung in Gustavsburg anschaut?“, will Podcast-Gastgeber Axel Schiel wissen. Christina Müllenders Antwort fällt ebenso spontan wie eindeutig aus: „Oh weh, oh weh, oh weh. Das sieht ganz schlecht aus.“
Christina Müllender weiß, wovon sie spricht. Bevor sie Buchhändlerin wurde, absolvierte sie eine Ausbildung zur Industriekauffrau und studierte Betriebswirtschaft. Später machte sie an der Frankfurter Buchhandelsschule zusätzlich eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Anfang 2019 übernahm sie schließlich die Buchhandlung in der Villa Herrmann – und erfüllte sich damit einen Lebenstraum. Doch Ende dieses Jahres ist Schluss. Der letzte Verkaufstag wird der 24. Dezember sein. Danach bleiben ihr nur wenige Tage, um die verbliebenen Bücher zurückzusenden, die Inventur zu erledigen und die Räume zu verlassen. „Mir hat das acht Jahre lang sehr viel Spaß gemacht“, betont sie im Podcast. An ihrer Begeisterung für Bücher habe sich nichts geändert. Würde ihr heute jemand eine feste Stelle im Buchhandel anbieten, wäre ihre Antwort klar: „Mache ich.“
Die Selbstständigkeit stand allerdings von Beginn an unter schwierigen Vorzeichen. Auf die Insolvenz eines wichtigen Buchgroßhändlers folgte die Corona-Pandemie. Viele Menschen gewöhnten sich in dieser Zeit daran, Bücher im Internet zu bestellen und Geschäfte gar nicht mehr aufzusuchen. Weitere Krisen und steigende Lebenshaltungskosten belasteten den Handel zusätzlich.
Besonders hart traf Christina Müllender die Brückensperrung in Richtung Hochheim. Seitdem seien ihre Umsätze um rund 70 Prozent eingebrochen. Die Zahlen hätten ihr letztlich keine andere Wahl gelassen. „Da kann ich mir noch so sehr einreden, wie toll das alles ist. Die Zahlen sagen etwas anderes.“ Wie schwierig das Geschäftsmodell einer kleinen Buchhandlung ist, zeigt eine einfache Rechnung: Von einem Buch, das 20 Euro kostet, bleiben dem Geschäft laut Müllender etwa sechs Euro – bevor Miete, Betriebskosten und weitere Ausgaben bezahlt sind. Gleichzeitig kaufen viele Kundinnen und Kunden heute nur noch ein oder zwei Bücher. Manche holen sich eine Empfehlung im Laden, bestellen die weiteren Bände einer Reihe später jedoch anderswo.

Besonders am Herzen liegt der Buchhändlerin die Leseförderung. „Lesen ist eine Superkraft. Wer das gut kann, ist für vieles im Leben gerüstet“, sagt sie im Gespräch. Entscheidend sei, dass Eltern ihren Kindern früh Bücher nahebringen und selbst als Vorbild auftreten. Schon Wimmelbücher könnten Sprache, Fantasie und Motorik fördern.
Christina beobachtet jedoch eine wachsende Kluft zwischen Kindern, die mit Büchern aufwachsen, und jenen, die zu Hause kaum Zugang dazu haben. Kitas und Schulen könnten diese Unterschiede allein nicht auffangen. Ihr Wunsch für die Zukunft des Buches in Gustavsburg lautet daher nicht, dass jemand einfach ihr Geschäft übernimmt. Sie wünscht sich vor allem, „dass ganz viele Kinder den Spaß am Lesen entdecken“. Die Entscheidung zur Schließung sei schwer gewesen, aber vernünftig. Bis Weihnachten bleibt die Buchhandlung geöffnet. Wer sie in den letzten Monaten unterstützen möchte, kann das auf denkbar einfache Weise tun: „Am besten ganz viele Bücher kaufen“, sagt Christina lachend.
Wie es anschließend für sie weitergeht, weiß sie noch nicht. Im Podcast entstehen dazu einige Ideen – vom Praktikum in unterschiedlichen Unternehmen bis zum Bücherbus auf Reisen. Fest steht nur: Bücher werden weiterhin zu ihrem Leben gehören.




