Schlechte Karten

Von Edelgard Rietz.

Als Radfahrerin habe ich es nicht einfach in dieser Stadt und Umgebung. Ich bin zu einer großen Feier ins Gästehaus Monika in Büttelborn eingeladen. „Komm pünktlich“, sagt Irmgard.

Die Einladung ist um 12, und das Wetter stimmt. Mit dem Auto bin ich natürlich auf der Landstraße oft vorbeigefahren, aber ich will mit dem Rad dahin. Sicherheitshalber guck ich auf den Ortsplan Büttelborn. Für Radfahrer und Fußgänger nichts. Kann ja nicht sein. Fehldruck.

Also Vortour. Das muss man sich mal vorstellen: Zu einer Einladung nach Büttelborn muss ich eine Vortour machen. Also ich aufs Rad. Und wirklich, ich bin sprachlos. Ich muss vom Ort her kommend über eine Brücke. Diese Brücke hat einen durchgehenden weißen Streifen, auf eine Hälfte passt nur ein Auto, kein Platz sonst, nichts für mich, schon gar nicht mit dem nötigen Abstand. Theoretisch müsste jeder Autofahrer nun hinter mir bleiben. Ja, müsste, macht aber keiner. Mit Tempo fahren sie über die weiße Linie beim Überholen, von vorne kommen die, die grün an der Bundesstraße haben. Niemand bleibt hinter mir. Nun bin ich also auf dem Hotelgelände, der Tankstelle und dem Kiosk. Da frag ich nach. Nein, für Fußgänger und Radfahrer ist nichts. Sie können von Groß-Gerau kommend nach Klein-Gerau mit dem Rad und dann auf dem Feldweg nach Büttelborn ans Hotel. Die Kinder dort mussten regelmäßig in die Schule gefahren werden, zu gefährlich auf dieser Brücke. Wir haben auch Probleme, Personal zu bekommen, sagt mir der Mann im Kiosk. Müssen alle ein Auto haben.

Also am Tag der Einladung wieder mein Leben riskieren. Zurück nehme ich den Feldweg über Klein-Gerau. Da war doch nicht nur einer im Planungsbüro, aber die waren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alle Autofahrer. Ein Bundesminister kann eine hohe dreistellige Millionensumme in den Sand setzen, aber an so einer Brücke sind zwei Meter mehr nicht drin. Was reg ich mich auch über die Jahnstraße auf. Seit 40 Jahren fahr ich von Esch kommend auf dem Radweg in die Innenstadt. Wer saß da im Planungsbüro? Also auf keinen Fall ein Radfahrer. Die erste kritische Stelle ist der Tunnel an den Schulen, und der ist geblieben. Kinder laufen nun mal nicht so diszipliniert, das ist auch gar nicht schlimm. Es gibt eine Klingel, und man kann über den Kollenbruch fahren, oder durch die Fasanerie und die Gernsheimer Straße in die Innenstadt. Laufen geht auch, und die Stadtbusse fahren regelmäßig. Die arbeitende Bevölkerung ist sowieso meist bereits mit dem Auto unterwegs.

Die zweite kritische Stelle ist an der Turnhalle. Da haben die Planer an die behinderten Menschen gedacht. Und das ist gut so! Ich muss da vom Rad. Meine Pedale dürfen nicht an den Kantstein kommen, aber wenn mir ein Auto entgegenkommt, ist kein Platz für mich. 

Dann die nächste unmögliche Erfahrung. Selbst im Auenwald in Trebur bin ich nicht sicher. An mir saust ein junger Mann auf einem E-Roller vorbei. An den Wiesen kann ich ihn zur Rede stellen. „Sie sind doch eben an mir vorbeigesaust?“ „Ja“, er nickt. „Mit 50 km/h?“ Er grinst. „45 km/h“, gesteht er. Auf diesem Waldweg sind Wurzeln, Steine und Löcher. Sind Sie lebensmüde? Der Roller war frisiert. Auch das noch. Im Fall der Fälle hätte der junge Mann schlechte Karten.

Und noch so ein Beispiel. Vor mir in der Darmstädter Straße ein junger Mann auf einem E-Roller. Ich seh nicht recht, er hat ein Handy am Ohr, und Qualm kommt von vorne. Da fällt mir nichts mehr ein. Als Radfahrerin hat man nur noch schlechte Karten.

Edelgard Rietz
ist Malerin mit Wohnsitz in Groß-Gerau;
edelgard.rietz@gmx.de

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