Frauenpower für die Innenstadt

Von Ulf Krone.

Als Friedrich Merz im vergangenen Jahr von einem Problem im Stadtbild sprach, erntete er dafür nicht bloß viel Kritik, er brach damit auch eine gesellschaftliche Debatte los. Leider drehte und dreht sich diese Debatte vor allem um gefühlte Unsicherheit, die mit der Realität häufig wenig zu tun hat. Die ist nämlich eine völlig andere. Im Gespräch mit türkischstämmigen Unternehmerinnen.

„Das Stadtbild“ gibt hierzulande tatsächlich Anlass zur Sorge. Denn massenhafter Leerstand führt zur Verödung der Innenstädte, und aufgrund der hohen Verschuldung fehlen den Städten die Mittel zum Gegensteuern – und im Falle einer Haushaltssperre sogar für alle freiwilligen Leistungen. Mit dieser Thematik ist im Kreis nicht bloß Groß-Gerau vertraut. Dass die Innenstadt trotzdem weiterhin belebt bleibt, dafür sorgen in nicht unerheblichem Maße auch Unternehmerinnen mit Migrationshintergrund, besonders natürlich Unternehmerinnen türkischer Abstammung. Doch wer sind diese Unternehmerinnen eigentlich, und wie schätzen sie die aktuelle Situation ein?

Dafür treffe ich mich mit der Rechtsanwältin Melisa Ergül-Puopolo, die gemeinsam mit Kanzleipartnerin Agnes Schmidt seit nunmehr 20 Jahren das Anwältinnenbüro und Notariat in Groß-Gerau führt und mich eingeladen hat, einige der türkischstämmigen Unternehmerinnen in Groß-Geraus Innenstadt zu treffen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Das ist bei Kaffee und Tee überhaupt kein Problem, denn ich habe es mit selbstbewussten Unternehmerinnen zu tun, die gleichzeitig mit großer Herzlichkeit und überbordender Energie gesegnet sind.

Demet Özalp betreibt Demets Haarstudio in der Kirchstraße, Dilek Özdemir den Royal Vintage Design-Blumenladen in der Frankfurter Straße, und Secil Yilmaz führt mit ihrem Mann Ömer das Café & Eisbude in Trebur sowie die Gaststätte Lokal 1886 TV Turnhalle Trebur. Die Beiden haben zuvor 15 Jahre in Norwegen gelebt und dort ein Restaurant und eine Bar betrieben. Nach der Geburt ihres Sohnes hatte sie aber das Heimweh gepackt, und sie waren in ihre Heimat im Kreis Groß-Gerau zurückgekehrt – um mitten in der Corona-Pandemie das Lokal 1886 TV Turnhalle Trebur zu übernehmen. Es hat funktioniert. Die Gaststätte läuft gut, mit ihrem Catering-Betrieb liefern sie heute bis Frankfurt, und auch das Eiscafé erfreut sich großer Beliebtheit.

„Die Sprache ist ein Schlüssel, der jede Tür öffnet“, sagt Secil Yilmaz, die neben Türkisch und Deutsch auch Norwegisch spricht und dabei behauptet, sie sei sprachlich nicht einmal sonderlich begabt. Das Beherrschen der Landessprache ist auf jeden Fall immer und überall ein entscheidender Punkt für Integration – und natürlich auch unternehmerischen Erfolg.

Doch viele Selbständige hätten es aktuell schwer, sagt Demet Özalp, zumindest ein bestimmter Teil. Denn die Mitte erodiert und fällt allmählich weg. Entweder man bleibt als Unternehmen sehr klein, so dass die Kosten gering bleiben und man als Selbständige alle Arbeit selbst erledigt, oder man wächst schnell und wird sehr groß, so dass die Masse die hohen Material- und Energie- sowie die Lohnnebenkosten wettmacht. Der Bereich dazwischen lohnt sich derzeit nicht, sind sich die Frauen einig. Die Kosten sind einfach zu hoch.

Alle sind sie bereits seit Jahrzehnten selbständig und wirken so, als hätten sie unternehmerisch schon alles erlebt. Dilek Özdemir ist seit über 20 Jahren als Floristin und Unternehmerin tätig, anfangs mit ihrem Ex-Mann im Blumenladen in einem Container bei Bischofsheim, dann im eigenen Laden in der Kreisstadt, erst allein, später im Ballonladen „Luft und Liebe“ mit einer Geschäftspartnerin und nun wieder alleinverantwortlich in ihrem Blumenladen gegenüber vom Historischen Rathaus. Demet Özalp wollte immer ein eigenes Haarstudio, ihr eigenes Geschäft, so dass die Selbständigkeit quasi unvermeidlich war. Zuletzt ist sie mit ihrem Salon in schöne neue Räumlichkeiten in der Kirchstraße neben dem Hotel Adler umgezogen. Von dort sei beim Umzug auch viel Unterstützung gekommen, berichtet Demet Özalp.

„Da wurde mir sehr geholfen bei der Eröffnung meines Ladens“, sagt sie. Von der Stadt habe sich allerdings niemand sehen lassen. An dieser Stelle gelangt unser Gespräch an einen kritischen Punkt, denn aus Sicht der Unternehmerinnen gibt die Stadt kein gutes Bild ab.

„Es gibt generell wenig Wertschätzung für türkischstämmige Unternehmerinnen, weshalb für uns das Thema Sichtbarkeit große Bedeutung hat“, erklärt Melisa Ergül-Puopolo. Aber auch ganz grundsätzlich haben die Frauen das Gefühl, die Stadt werde entwickelt, ohne die Unternehmen daran zu beteiligen. So stößt etwa das Experiment der Stadtverschönerung durch Blumenkübel und Bänke auf Kosten von Parkplätzen im vergangenen Jahr auf wenig Verständnis. Die Kunden wünschen sich Parkmöglichkeiten nahe der Geschäfte, sonst wandern sie ab, und die Innenstädte sterben weiter aus. Dieser Realität muss man sich stellen und gemeinsam praktische Lösungen erarbeiten.

„Wir wurden nie gefragt“, beklagen sie, und vermutlich liegt da das Problem. „Die Parkplatzsituation ist wirklich schlimm“, sagt Dilek Özdemir und geht noch weiter: „Unter diesen Umständen würde ich den Blumenladen heute nicht noch einmal in Groß-Gerau eröffnen.“ In der Kreisstadt werde sich letztlich zu wenig gekümmert, es fehle der Dialog mit der Stadt. Secil Yilmaz sagt, in Trebur sei das anders, dort spüre sie großen Zusammenhalt in der Gemeinde, und von Kerweborsch bis Feuerwehr gebe es sehr viel Aktivitäten.

Das sei besonders schade, weil sie sich selbst als Unternehmerinnen für Groß-Gerau sehen, sagt Melisa Ergül-Puopolo. Die türkische Abstammung verbinde sie zwar untereinander, aber sie seien eben auch Gerauerinnen und hier oder in Büttelborn, Klein-Gerau, Nauheim oder Trebur für alle da. Mit ihren Unternehmen schaffen sie Arbeitsplätze, generieren Publikumsverkehr und Steuereinnahmen. Und ohne ihre Unternehmen wäre „das Stadtbild“ hierzulande noch bedeutend schlimmer – nämlich verwaist.

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