Die erste Straßenbeleuchtung

Von Lothar Walbrecht.

Der für das Archiv der Gemeinde Nauheim zuständige Lothar Walbrecht knüpft mit seiner Serie an die Nauheimer Dorfgeschichten des verstorbenen Karl-Heinz Pilz im WIR-Magazin an. Dabei gewährt unser Kolumnist in loser Folge Einblicke und Kenntnisse, die sonst wohl in alten Unterlagen für immer verborgen blieben.

Wer kennt ihn nicht, den Laternenanzünder in Groß-Gerau, der an der Ecke Darmstädter-/Frankfurter Straße vor dem „Alten Katasteramt“ steht. Sein leibhaftiges Vorbild sorgte dafür, dass die Straßenbeleuchtung angezündet und damit die Nacht zum Tage wurde, er sorgte somit auch für ein wenig mehr Sicherheit im Ort.

Wie sah das in Nauheim aus? Ein Blick in alte Unterlagen des Nauheimer Gemeindearchivs, vor allem in die Urkunden mit Rechnung der Gemeinde Nauheim im Jahr 1878, schafft Klarheit zum Thema Laternenanzünder und die dazu benötigte Straßenbeleuchtung. Es begann im Jahre 1877, als sich die Gemeindeväter über eine Straßenbeleuchtung in ihrem 1000-Seelen-Dorf Gedanken machten. Am 14. Dezember 1877 war es soweit: Ein Vertrag mit der Mainzer Eisengießerei Julius Römheld für die Lieferung von 25 Laternen wurde unterzeichnet. Von diesen 25 Laternen waren 22 Laternen als Armleuchter ausgelegt. Des Weiteren gab es drei Kandelaber, also Mastleuchten. Für die Lieferung erhielt die Firma Julius Römheld 888,58 Reichsmark (RM).

Nach der Anlieferung des Beleuchtungsmaterials am Nauheimer Bahnhof transportierte der Tagelöhner Georg Adam Diehl III. das Material für zwei RM in die Ortschaft. Hierfür musste er viermal fahren. Der Nauheimer Bahnhof befand sich damals noch außerhalb der Ortsbebauung. Der Maurer Wilhelm Rappitong bekam acht RM für das Aufhängen und Aufstellen der Lampen. Aber auch Zusatzmaterial wurde für die Straßenbeleuchtung benötigt. Für Mineralölkannen und Kleinmaterial gingen 7,70 RM an den Groß-Gerauer Spengler Heinrich Kleinböhl, drei RM an den Nauheimer Wagnermeister Wilhelm Jockel für die Erstellung einer Steigleiter und 23,25 RM für die Lieferung von 93 Liter Petroleum an den Nauheimer Schmiedemeister Nikolaus Weber.

Aber zurück zum Laternenanzünder. Nach öffentlichem Aushang wurde ein Laternenanzünder gesucht. Dieser hatte nicht nur die Laternen anzuzünden, er sollte auch die Wartung und Reinigung der neuen Beleuchtung durchführen, die Betriebsmittel auffüllen, eventuelle Reparaturen durchführen und selbstverständlich nachts die Beleuchtung anzünden bzw. später wieder löschen. Der Leinewebermeister Johann Neumann wird im Ortsarchiv als erster Laternenanzünder genannt. Da die Straßenbeleuchtung nur in den Herbst- und Wintermonaten betrieben wurde, bekam der Laternenanzünder ab der Inbetriebnahme bis zum 27. April 1878 zwölf RM und vom 26. September 1878 bis 26. April 1879 105 RM.

Heute werden die rund 1250 Straßenlampen in Nauheim im Auftrag der Gemeinde vom Überlandwerk Groß-Gerau betreut. Sie leuchten übers ganze Jahr in jeder Nacht.

Lothar Walbrecht
ist stellvertretender Vorsitzender des Heimat- und Museumsvereins;
museum-nauheim@web.de

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