Ich reg‘ mich auf

Von Edelgard Rietz.

Beim Rumzappen lande ich bei Günther Jauch und bekomme gerade noch mit, wie eine junge Frau, Alleinerziehende, zwei Kinder, Publikumsjoker ist und für die richtige Antwort 500 Euro bekommt und in Tränen ausbricht. Jauch sieht das und sagt: „Für 500 Euro Tränen?“

So ein Millionär kann sich nicht vorstellen, welchen Wert dieses Geld für sie hat, und der Kandidat setzt noch eins drauf. Jauch sagt ihm, wenn er die Antwort genommen hätte, wäre er um viel Geld reicher und der sagt: „Das ist nur eine Zahl auf dem Konto.“ Ich reg mich auf!

Erst werden alle Geringverdiener für ihren Einsatz beklatscht, und dann müssen sie für ein bisschen mehr Gehalt auf die Straße gehen. Ich reg mich auf!

Die feiernden Offenbacher, die ganz Offenbach aufgemischt haben, schreien: Diskriminierung, und dieser Schrei reicht bis nach Köln, wie ich von meiner Schwester weiß. Geht‘s noch? Wir sitzen doch alle im gleichen Boot, und es gibt Regeln, deren Einhaltung nun absolut wichtig ist, für alle, angekommen? Mir gefällt diese Zeit auch nicht.

Was hat heute einer im Radio gesagt: „Besser Maske im Gesicht als Zettel am Zeh!“ Ich reg mich auf!

Rassismus ist ein Übel in der Welt, aber nur schreien reicht nicht. Es kann sich ja keiner mehr vorstellen – oder nur rudimentär, wie das ist, eine Deutsche zu sein und Jahrzehnte nach dem Krieg auf Reisen zu gehen. Nach Holland setze ich keinen Fuß mehr, zwei Mal sind mein Mann und ich beschimpft worden, sehr subtil, aber all zu deutlich. Noch gar nicht lange her, als die erste Corona-Welle kam, haben uns die Europäer beschimpft, von wegen nur an sich denken usw. Die Moderatorin vom Kölner Treff erzählte, wie Ihre Lebenspartnerin in Holland den Stinkefinger gezeigt bekommen hat. Ich reg mich auf!

Rassismus ist ein Übel, aber genauso übel ist es, um des eigenen Vorteils willen, es als Beschimpfung zu nutzen. An der Hochschule halten zwei muslimische Studentinnen ein Referat. Mies, alle haben es gehört und der Professor ermahnt beide, sie müssten schon etwas mehr tun. Er sagt es freundlich und berechtigt. Die zwei verteidigen sich, und unterschwellig läuft der Vorwurf von Rassismus mit. Alle haben es gehört, der Professor knickt ein, und ich ärgere mich bis zum heutigen Tag, nicht aufgestanden zu sein und den Frauen gesagt zu haben: „Geht nach Hause, ihr seid für die Soziale Arbeit ungeeignet.“

Ich könnte noch einige Beispiel nennen, alle zielen in die gleiche Richtung. Ich reg mich auf, und ich benenne Unrecht, wenn es offensichtlich ist, und mein Gegenüber muss früh aufstehen, bevor ich da einknicke.

Edelgard Rietz
ist Malerin mit Wohnsitz in Groß-Gerau;
edelgard.rietz@gmx.de

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