Eine schwierige Zeit

Von Edelgard Rietz.

Es ist einer der letzten wunderbaren Sommertage. Ich aufs Rad, diesmal eine lange Runde. Übers Feld nach Trebur, dann am Damm entlang über die Weisenauer Brücke und auf der anderen Seite durch die Weinberge nach Nierstein. Ich steuere mein Lieblingsgartenlokal an, alles besetzt. Der Wirt sagt mir, sie müssen fragen, sicherlich können sie sich irgendwo dazu setzen. Ich frage ein Paar mittleren Alters. Ja, ich darf.

Ich freue mich immer auf ein spontanes Gespräch, aber dieses Mal habe ich kein Glück. Erst am Platz darf ich meine Maske abnehmen und sage zu meinen Tischnachbarn: „Diese Zeit ist so nervig, und die vielen Ungeimpften machen es nicht einfacher.“ Stille! Und ich: „Sie gehören dazu?“ „Ja!“ Ich: „Mit welcher Begründung?“ „Keine“, sagt die Frau. Ich verstumme. Keine, nicht zu fassen, die haben keine Kinder, da bin ich so gut wie sicher.

An einem Gespräch bin ich nicht mehr interessiert. Für solche aussichtslosen Fälle habe ich Lesestoff dabei. Schlimmer kann es für mich nicht kommen. Ich habe einen Zeitungsartikel mit, in dem es genau um dieses Thema geht. Verflixte Kiste, breite ich nun meine Zeitung aus, oder suche ich mir einen anderen Platz? Mein Blick geht in die Runde. Nichts! Wenn ich hier Streit anfange, wird’s laut, und ich wollte doch diesen Tag genießen.

Zu Hause angekommen, telefoniere ich mit einer Freundin aus Langen, und die erzählt mir, sie hatten nach langer Zeit eine Chorprobe, und der Chorleiter sagt noch im Hof, wo alle versammelt sind: „Probe nur für Geimpfte und Genesene!“ Er appelliert an die Verantwortung jedes einzelnen Mitglieds. Er will nicht kontrollieren. Alle gehen rein. Doch eine Person weiß von einem Paar: Die sind nicht geimpft! Sie sagt es dem Leiter, der spricht es natürlich an. Das Paar verlässt den Raum. Was geht da durch den Kopf? Scham? Wut auf die Denunziantin?

Himmel noch eins. Wie schlimm ist das alles, und es ist wahrscheinlich erst der Anfang. Die Schulkinder haben monatelang die Schule nicht gesehen, Studenten kennen keinen Hörsaal. Sich nicht impfen zu lassen, grenzt für mich an Körperverletzung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Familien mit Kindern sind, die diesen Egoismus an den Tag legen. Alles ohne Begründung, wie bei dem Paar in Nierstein? Es geht doch hier nicht nur um die eigene Befindlichkeit, den Zorn, die Wut auf Reglementierung.

Edelgard Rietz
ist Malerin mit Wohnsitz in Groß-Gerau;
edelgard.rietz@gmx.de

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.