Sehnsuchtsorte

Ganz am Anfang einer wunderbaren Geschichte beschreibt die Autorin ihren Sehnsuchtsort. Aufgewachsen bei einer alleinerziehenden Mutter und deshalb viel alleine und auf sich gestellt, freute sie sich immer auf die Ferien. Vom ersten Tag an durfte sie zu ihrer Großmutter aufs Land.

Die Beschreibung der wunderbaren herzlichen Umarmung ihrer Großmutter, diese Wärme und Freude, die Kutschfahrt auf den Hof, der Geruch von warmem Streuselkuchen, man geht in Gedanken mit und kann dieses Glücksgefühl nachvollziehen. Diese Beschreibung hat mich dazu verführt, Umfragen nach Sehnsuchtsorten zu machen. Viele Erzählungen sind ähnlich. Orte, wo man glücklich war, meist verbunden mit Gerüchen. Erinnerungen wurden wach, und schon beim Erzählen entspannten sich die Gesichter. 

Neben mir im vollbesetzten Zug sitzt ein junger Mann. Ich komme mit ihm ins Gespräch und er erzählt mir, er ist gerade fertig mit dem Abi, kommt aus Lettland und sein Sehnsuchtsort ist Deutschland, und hier will er studieren. Und nun ist dieser Traum ganz nah. Er hat gebüffelt, Deutsch gelernt, Jobs angenommen, gespart für die erste Zeit und einen Studienplatz in Mannheim bekommen. Er ist so sympathisch, und alle um uns herum beteiligen sich an unserem Gespräch und wünschen ihm alles Gute.

Bevor das Theaterstück anfängt, frage ich meine Nachbarin nach ihrem Sehnsuchtsort, und ich erfahre eine traurige Geschichte. Ihr Mann ist unerwartet gestorben, und sie wünscht sich so sehr noch ein paar Monate mit ihm, will ihm ganz nah sein Da kann ich mich anschließen. Ich habe noch so viele Fragen, die ich nun niemals beantwortet bekomme. 

Die jungen Leute, die ich frage, sind vorsichtig. Ich weiß nicht, ob ich meinen Sehnsuchtsort veröffentlichen will, sagt mir ein junger Mann. Vielleicht ist jede Woche ein anderer Ort gemeint. Ist völlig legitim. 

Ganz aus dem Rahmen fällt ein Naturwissenschaftler mit seinem nicht realen Sehnsuchtsort. Er will zu den Sternen fliegen. Lichtjahre sollten wie im Flug vergehen, die Menschheit in Frieden leben, ohne Kriege, Krankheiten, Korruption, einzig allein das Wissen mehren. Wie wird sich die Menschheit am Wendepunkt entscheiden? Für den Untergang oder für eine Zukunft voller Hoffnung, wo ethische und moralische Maßstäbe gelten über korrupte Politik und alle Religionen hinweg? Demokratie in verbesserter Form, wo Gewalt, Gier und Missgunst ausgelöscht sind. So wie jetzt kann es nicht bleiben! Die Menschheit braucht Visionen und Visionäre. Wann wird es so weit sein? In hundert Jahren oder nie.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Mein Sehnsuchtsort ist jetzt mein Bett. Hier kuschle ich mich ein und hoffe auf wunderbare Träume.

Edelgard Rietz
ist Malerin mit Wohnsitz in Groß-Gerau;
edelgard.rietz@gmx.de

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