Worüber die Leute reden (312)

Von Rainer Beutel.

Wäre es nicht so tragisch, könnte mindestens ein Thema übergangen oder mit Augenzwinkern behandelt werden. So wäre zu fragen, ob die Menschen angesichts der neuen Corona-Mutante namens Omikron wieder beginnen, Toilettenpapier zu horten und ob dieses extrem rare und lebensnotwendige Gut nur noch Geimpfte erhalten. – Ironie aus. Vielmehr ist Sorge angebracht. Etwa beim Blick auf den jüngsten Zwist im Kreis Groß-Gerau. Liegt Landrat Thomas Will (SPD) mit seinem Rat richtig, das Boostern hintenanzustellen, um Erst- beziehungsweise Zweitimpfungen vorzuziehen? Hoffentlich kochte dieser Zank nur wegen der Landratswahl am 5. Dezember hoch. Schlimm, dass die Pandemie für Wahlkampfzwecke missbraucht wird. Apropos Corona: Mal eine ganz andere Frage: Warum meldet China als bevölkerungsreichstes Land der Erde und Ausgangspunkt der Pandemie für Montag, 15. November exakt 31 (!) Neuinfektionen (so im Handelsblatt vom 17. November), während sich in Deutschland wenige Tage später rund 75.000 Menschen täglich infizieren? Wer einmal die Lebensumstände und hygienischen Bedingungen der chinesischen Landbevölkerung gesehen hat, kann nur rätseln. Werden wir falsch oder unzureichend informiert? Oder hat China neben seiner strengen Null-Covid-Strategie ein Wundermittel? Letzteres eher nicht. Haben Sie eine Erklärung?

Andere lokale Themen können selbst in Pandemiezeiten nicht unberücksichtigt bleiben. Denn auch sie geben zu denken. Etwa dass in Kommunen wie in Trebur rote Bänke aufgestellt werden, um ein weithin sichtbares Zeichen zu setzen. Es geht um Gewalt gegen Frauen. Durch die Symbolfarbe soll die „Unsichtbarkeit von gewaltbetroffenen Frauen sichtbar gemacht und in die Öffentlichkeit gebracht werden“, heißt es dazu offiziell. Eine begrüßenswerte Aktion, aber sie vermittelt eine schreckliche Gewissheit. Entsprechende Themen wurden schon in den 1980-er Jahren von aufgeklärten Menschen vorgetragen, und scheinbar hat sich, mitten unter uns, nichts verändert.

Über Personalien reden Leute besonders gerne. Sicherlich mag die Berufung des ehemaligen Bürgermeisters von Groß-Gerau und ehemaligen Bundestagsabgeordneten Stefan Sauer zum neuen Staatssekretär im hessischen Innenministerium zu kritischen Anmerkungen verleiten. Vom „Geschmäckle“ ist da die Rede, weil verdiente Politiker von der CDU gewöhnlich nicht fallengelassen werden. Doch würden es die anderen Parteien anders machen? Die Geschichte beweist das Gegenteil.

Bleibt mein Wunsch, dass Sie alle ein (einigermaßen) frohes Weihnachtsfest feiern können. Das kommt von Herzen. Doch hier schließt sich der Kreis zur traurigen Erstmeldung in dieser Rubrik. Wie sehr werden wir alle wieder beschränkt? Wie vernünftig sind wir, uns freiwillig zurückzunehmen und auf den Besuch von Märkten und Festivitäten zu verzichten, um Kontakte zu verringern? Aber was passiert mit dem sozialen Miteinander? Und wie ausgeprägt ist schließlich unsere Toleranz gegenüber jenen, die sich verwundert die Augen reiben, weil es bei den rudimentären „Adventstagen im Atrium“ in Nauheim „nicht mal einen Glühwein gibt“ und sie beschließen, des Genusses wegen „woanders hinzufahren“. Solche Reaktionen zeigen, wie schwammig und unausgegoren politische Entscheidungen sind. Es fehlt die klare, große Linie. Oder sind sie anderer Meinung? Schreiben Sie mir, nicht nur wegen China (siehe oben): rainer.beutel@wir-in-gg.de.

Rainer Beutel

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