Helmuth Kiesels epochale Leistung

Von Siggi Liersch.
Allzu oft begegnet man in seinem Leseleben einem solchen Buch nicht. Es ist ein lehrreiches Lektüreerlebnis, das einem zuteil wird, wenn ein Germanist wie Helmuth Kiesel die Welt der Sprache und des Schreibens vor den neugierigen Augen seiner Zeitgenossen ausbreitet.
Dies geschieht hier in einer sehr differenzierten Form. Er beschreibt im Spiegel der Literatur eine banale Welt, die in ihrer Alltäglichkeit fürchterlich und letztendlich eine Welt des Schreckens und der diktatorischen Unterdrückung ist. Es ist die Zeit zwischen 1933 – 1945. Hier findet man das gedruckte Wort, nachlesbar und somit auch überprüfbar. Kiesel hat seinem voluminösen Band, dessen Lektüre viel Aufmerksamkeit und Zeit erfordert, Lyrik von Bertolt Brecht vorangestellt: „Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut/ In der wir untergegangen sind/ Gedenkt/ Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht/ Auch der finsteren Zeit/ Der ihr entronnen seid.“ Mit diesem Motto katapultiert Kiesel seine präzise und detailreiche Untersuchung in unsere Gegenwart, die ebenfalls mit vielen Problemen zu kämpfen hat.

Mitten hinein in das Duckmäusertum unserer Zeit, hinein in deutlich demokratiefeindliche Bestrebungen, in vorschnelle Urteile und in unsägliche Schmutzkübeleien und Falschmeldungen, die über soziale Medien verbreitet werden. Der Klappentext bietet bereits einen sehr guten Einblick, was den Leser hier erwartet. Zweieinhalbtausend Autoren mussten Deutschland verlassen. Wer blieb und sich nicht auf die Seite des NS-Regimes stellte, war von Verfolgung bedroht. Kiesel hat die erste Gesamtdarstellung der Epoche aus einer Hand geschrieben und erschließt damit ein riesiges literarisches Feld zwischen Regimetreue und Exil. Auch die innere Emigration sowie regimenahe, österreichische sowie schweizerdeutsche Literaten sind Gegenstand dieses Bandes.
In seiner 24seitigen Einleitung bringt es Kiesel selbst auf den Punkt: „Furchtbar aber ist das immer wieder sich aufdrängende Bewusstsein der Tatsache, dass das, wovon wir lesen, für Millionen von Menschen nicht Literatur war, sondern todbringende, knochenzerbrechende und atemlähmende Wirklichkeit.“ Ein Führer von menschlicher Erbärmlichkeit und erfolgreicher Brutalität hatte das Sagen. Es war eben kein Mückenschiss, der als Realität so viel Elend und Verderben, Krieg, Vertreibung und Untergang über das deutsche Volk brachte, dass man sich besonders heute sehr wundern muss, dass es seit einigen Jahren eine politische Strömung gibt, die aus dieser menschenfeindlichen Geschichte so gar nichts gelernt zu haben scheint! Kiesels Untersuchung startet mit der Machtergreifung 1933/34 im Spiegel der Literatur. Danach folgen die Neuordnung der Literaturverhältnisse nach 1933 und die politische Entwicklung bis 1939. Auch die Werke der inneren Emigration und der jüdischen Literatur werden beleuchtet. Einen besonderen Platz nehmen die Erfahrung der Emigration und des Exils sowie der Spanienkrieg und die Moskauer Säuberungen ein. Den Band beschließen die Untersuchungen zur Literatur der Kriegsjahre. Dieses Werk lohnt jeden Cent!
Helmuth Kiesel, Schreiben in finsteren Zeiten
Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933 – 1945
Verlag C.H. Beck, 2025, 1392 Seiten, 68 Euro





