Abschied mit gemischten Gefühlen

Von Ulf Krone.
Nach 36 Jahren verabschiedet sich Jürgen Volkmann, seines Zeichens Leiter sowie Herz und Seele des kreisstädtischen Stadtmuseums, in den verdienten Ruhestand. Mit welchen Gefühlen er dem Ende dieses Lebensabschnitts entgegensieht, wie es für ihn weitergeht und wie er die Zukunft des Stadtmuseums in Zeiten des Ausgabenstopps aufgrund des nicht verabschiedeten Haushalts sieht, hat er im Gespräch verraten.
Mit welchen Gefühlen verabschieden Sie sich vom Stadtmuseum?
Jürgen Volkmann: Natürlich zwiespältig. Zum einen ist man ja gewissermaßen verwachsen mit einer solchen Institution, weil das nicht nur eine Arbeitsstelle und eine eng eingegrenzte Funktion ist, sondern es ist mehr. Es hat mit einem wesentlichen Teil der städtischen Identität zu tun, die historisch gewachsen ist. Es hat mit einer Sammlung zu tun, in der ja das Streben und die Ideale meiner Vorgänger stecken, nämlich sich mit Groß-Gerau zu beschäftigen und die Reize und die Besonderheiten hervorzuheben.
Das hat natürlich immer damit zu tun, Menschen zu begegnen. Und das ist auch das besonders schöne, menschliche Begegnungen. Die finden auch nicht bloß in einem engen Fachgebiet statt, sondern mit der ganzen Stadtgesellschaft. Vom, historisch gesprochen, Straßenkehrer bis zum Generaldirektor, um es mal so zu fassen, also mit der ganzen Breite der städtischen Bevölkerung. Weitere Punkte sind die Veranstaltungen, die Angebote sowie die Recherchen und die Forschung in der Stadt, dass man sich mit Fragen der Unternehmen, des Gewerbes auseinandersetzt, mit persönlichen Entwicklungen, mit persönlichen Biografien und eben mit dem Zeitgeschehen, mit dem, was jede Zeit hervorbringt.
Groß-Gerau war und ist, denke ich, immer noch ein Pflaster, wo die Menschen sich engagieren, was zeitgeschichtliche Notwendigkeiten angeht. Ich denke an die 1980-er Jahre, da ging es beispielsweise um den Bau der Startbahn West, die Atomkraftbewegung oder um die Frauenbewegung. Das war hier ein richtig lebendiges Pflaster in der Zeit. Und das ist es bis heute, wenn ich an gewerkschaftliche Aktivitäten denke, an den NABU, aber auch an weniger politische Anliegen, etwa das Bündnis gegen Depressionen oder aktuell die Initiative zur Einrichtung eines Hospiz und vieles mehr. Mit diesen Menschen finden regelmäßig Begegnungen statt. Deshalb ist man hier sehr nahe am Puls der Stadt. Und das ist natürlich etwas ganz Besonderes.
Woran denken Sie gern zurück? Was, denken Sie, wird Ihnen in Erinnerung bleiben?
Jürgen Volkmann: Das ist ja ein ungeheuer langer Zeitraum, 36 Jahre, über die wir hier sprechen. Und ich kann eigentlich nur sagen: ich blicke mit einer ausgesprochenen Zufriedenheit zurück.
Im Vorfeld dieses Gesprächs bin ich ins Nachdenken gekommen, was da so alles passiert ist, zusammen mit dem Förderverein und mit vielen anderen Akteuren. Es gibt so Vieles. Ich hätte eigentlich Lust, einfach mal anzufangen, eine Liste zu schreiben, woran ich mich spontan innerhalb von einer Viertelstunde erinnere, um dann zu schauen: was ist denn das alles, wie setzt sich das inhaltlich zusammen, und was sind das so für Dinge, die dir da besonders in Erinnerung geblieben sind. Auch bin ich sehr dankbar, dass mir seitens des Magistrats ein großer, fast umfänglicher Freiraum – bis auf finanzielle Dinge – gestattet wurde, so viele Projekte mit zahlreichen Partnern initiieren zu dürfen.
Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind, etwas, dass Sie haben anstoßen dürfen oder in die Wege geleitet haben?
Jürgen Volkmann: Mit einem gewissen Stolz oder Zufriedenheit sehe ich, dass es gelungen ist, eine große Akzeptanz von der Bevölkerung zu erfahren. Denn man darf nicht verkennen, dass ich von außen gekommen bin und als erster hauptamtlicher Museumsleiter eine akademische Auffassung von Museumsarbeit hatte, die ich auch versucht habe zu implementieren. Ich bin aus einem ganz anderen Kulturkreis gekommen, aus dem fernen Norden, und die Akzeptanz all dessen erfahre ich an jedem Tag, wenn ich in der Stadt unterwegs bin. Die kurzen Gespräche, die Smalltalks und dieses „Hallo, und wie geht es?“, das macht Freude, das ist ein Lebenselixier.
Gibt es so etwas wie eine Lieblingsausstellung?
Jürgen Volkmann: Gute Frage! Ja, da sind natürlich die großen Ausstellungen gewesen, die wir zu den Stadtjubiläen gemacht haben. 1998 war da die 600-Jahrfeier oder 2010 die 1100-Jahrfeier. Das waren sehr große Ausstellungen, auch viele archäologische. Zu den Römern haben wir mehrere Ausstellungen gemacht. Und es ist keine Koketterie, dass es Freude gemacht hat, hier im Stadtmuseum immer auch für eine sehr professionelle Gestaltung der Ausstellungen sorgen zu können, dass wir auch da den richtigen Partner hatten, hier zeitgemäße professionelle Ausstellungen darbieten zu können. Mir haben die Kunstausstellungen zuletzt immer sehr viel Freude gemacht, weil die Reize des Museums, des Gebäudes und der Räumlichkeiten gut genutzt werden konnten, wie aktuell bei Noah Wunsch, mit Gerd Winter oder auch die Altheim-Ausstellung. Das passt hier richtig gut rein und hat gezeigt, welche Potenziale das Stadtmuseum bietet und dass man diese Potenziale für den Anspruch und das Image einer Kreisstadt wunderbar nutzen kann.

Wie geht es jetzt für Sie weiter? Bleiben Sie der Stadt eventuell auch in Zukunft erhalten?
Jürgen Volkmann: Ich werde mich gar nicht allzu sehr von dem entfernen, was ich bisher gemacht habe. Ich werde auch weiterhin Stadtführungen anbieten und je nach Haushaltslage auch hier für die Stadt noch das eine oder andere machen. Ich freue mich allerdings auf einen viel größeren Freiraum, meine Zeit zukünftig gestalten und dann auch ganz andere Dinge tun zu können, von denen man bisher gesagt hat: oh ja, das kannst du dann irgendwann mal machen. Ich bin natürlich immer sehr neugierig, was die großen Ausstellungen in Deutschland und in Mitteleuropa angeht, insbesondere die Kunstausstellungen. Sich einfach mal in den Zug zu setzen und nach Amsterdam zu fahren, ins Rijksmuseum, für eine große Ausstellung, oder nach Wien oder Paris, wo man im Moment nur die Rezensionen im Feuilleton lesen kann, das hat großen Reiz.
Leider kann die Stelle der Museumsleitung aufgrund der Haushaltslage nicht besetzt werden.
Jürgen Volkmann: Der Bürgermeister ist an mich herangetreten, ob ich das Museum übergangsweise so ein bisschen bespielen könnte, bis dann wieder eine hauptamtliche Kraft kommen kann. Wir sind uns einig gewesen, dass ich paar Ausstellungen mache, zum Beispiel mit dem Groß-Gerauer Künstler Erwin Batussek – und eine archäologische Ausstellung mit Werner Jährling. Auch die Stadtführungen werde ich weitermachen, weil das ein zweites Standbein des Museums geworden ist. Weil aber das Stadtparlament keinen Haushalt verabschiedet, stehen aktuell keine Mittel zur Verfügung.
Dieses Haus will bespielt werden. Deshalb haben wir auch damals das Erdgeschoss freigelassen. Es gab Ideen, hier ein komplettes Museum mit einer Dauerausstellung einzurichten. Da habe ich gesagt: „Nein, das macht keinen Sinn, wir brauchen immer den Wechsel, wir brauchen Veranstaltungen.“ Das sollte nicht nur eine museale, sondern auch eine kulturelle Bühne sein, eben wegen dieser attraktiven Räumlichkeiten. An dieser Stelle muss möglichst eine Person sitzen, die dem Museum nach außen ein Gesicht gibt und eine wirklich verlässliche Anlaufstelle bietet. Das ist ein Punkt, der mich schon besorgt. Da bin ich nur insofern zuversichtlich, als dass der Bürgermeister tatsächlich die Ambition hat, das möglichst irgendwie über diese Zeit hinweg zu retten.
Als Museumsmann sehe ich aber auch: wir haben eine Sammlung, das heißt eine Überlieferung einer städtischen Sachkultur, die über die vergangenen 150 Jahre hier zusammengetragen wurde. Wir haben die Pflicht, das zu erhalten. Das ist etwas Denkmalpflegerisches: Wir haben die Pflicht, zukünftigen Generationen das in gutem Zustand zu übergeben. Und da muss sich auch jemand kümmern.




