Antworten darauf, was Menschen bewegt

Von Rainer Beutel.

Es ist sicher nicht übertrieben, zu schreiben, dass sich die Kreisstadt-SPD im Umbruch befindet. Personell sichtbar wird das durch den Wechsel an der Fraktionsspitze. Auf Jürgen Martin, der die Arbeit der Genossen in der Stadtverordnetenversammlung über viele Jahre geprägt hat, folgt mit Sonja Dewald eine Frau voller Tatkraft und Motivation. Sie will, wie sie im Interview mit Rainer Beutel erklärt, durchaus einiges moderner anpacken als ihr Vorgänger.

Frau Dewald, lassen Sie uns zunächst über das reden, was die SPD-Fraktion über Jahre geprägt hat: Jürgen Martin ist nicht mehr Fraktionsvorsitzender. Warum eigentlich?

Sonja Dewald: Bereits im vorigen Jahr hat Jürgen Martin seinen Rückzug angekündigt. Mit 65 und nach 25 Jahren Parlamentsarbeit sollte Schluss sein. Als konsequenter Mensch, der er nun einmal ist, hat er Wort gehalten. Er wollte nie einer der alten „Grauköppe“ sein, die gegangen werden.

Wie schwierig ist es, in große Fußstapfen zu treten?

Sonja Dewald: Natürlich ist es eine Herausforderung. Aber Jürgen und ich sind vollkommen unterschiedliche Charaktere, dementsprechend fallen Vergleiche zwischen uns schwer. Das erleichtert mir den Übergang. Allein anhand der Redebeiträge kann man den Unterschied gut ausmachen: er sehr umfassend und zuweilen staatstragend, ich der Typ kurz und bündig.

Was wird sich innerhalb der SPD-Fraktion und im Bild der SPD nach außen ändern?

Sonja Dewald: Ich bin keine Alleinunterhalterin. Allein meine Arbeitszeiten führen dazu, dass wir die Arbeit in der Fraktion anders aufteilen, als es bisher der Fall war. Delegieren ist hier das Stichwort, wobei sich das einfacher anhört, als es ist. Ich verlasse mich auf ein vielseitiges und engagiertes Team, das mich unterstützt. Allen voran Steffen Schräpel und Cristina Reinhardt als stellvertretende Fraktionsvorsitzende.

Was sind für Sie die ­vorrangigen Aufgaben der SPD in Groß-­Gerau?

Sonja Dewald: Die SPD muss sich personell, aber auch strukturell neu aufstellen. Denn die Lebens- und Arbeitswelt hat sich verändert. Diesem Wandel, der durch die Corona-Pandemie beschleunigt wurde, müssen Parteistruktur, Themenangebot und Kommunikation Rechnung tragen. Zeitintensive Sitzungen im Hinterzimmer sind nicht mehr attraktiv. Wir müssen als SPD politisch auf das Antworten geben, was die Menschen in ihrem persönlichen Alltag und am Arbeitsplatz bewegt und dabei die Mittel einsetzen, die die Menschen erreichen. Das alles ist im Augenblick im Umbruch begriffen. Während des Wahlkampfs schon haben wir neben dem Einsatz herkömmlicher Mittel auch Neues ausprobiert, zum Beispiel virtuelle Veranstaltungen über Zoom angeboten, verstärkt Social-Media-Kanäle eingesetzt. Das kann den realen sozialen Kontakt nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen.

Und was sind denn die herausragenden Themen, die aus Ihrer Sicht in der Kreisstadt anzupacken sind?

Sonja Dewald: Ein riesiges Thema ist die teilweise fehlende Kinderbetreuung. Es ist toll, dass wir im Parlament Kita-Erweiterungen und Neubauten bewilligen. Was aber nutzt das, wenn das Personal fehlt? Wenig! Wir müssen unsere Stadt als Arbeitgeber besser positionieren, Anreize für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schaffen und dazu beitragen, dass das Berufsbild des Erziehers/der Erzieherin attraktiver wird. Ein anderes notwendiges, aber sehr kostenintensives, Feld ist die energetische Sanierung der städtischen Liegenschaften. Wasser predigen und Wein trinken steht einer Kreisstadt nicht gut. Da müssen wir mit gutem Beispiel vorangehen.

Es wird, wie in der Vergangenheit, sicherlich nicht einfach werden, ein sozialdemokratisches Programm zu verwirklichen. Wie wollen Sie das angehen?

Sonja Dewald: In der Opposition ist das nie leicht. Dennoch ist es uns auch in der Vergangenheit gelungen, Themen zu setzen und Veränderungen zu erreichen. Ein Beispiel: die Abschaffung der Straßenbeiträge. Beharrlichkeit gehört dazu – natürlich auch ein bisschen Glück und die richtigen Themen.

Blicken wir noch ein paar Jahre voraus: Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Es gibt SPD-Ortsvereine im Kreis GG mit sehr aktiven Jusos.

Sonja Dewald: Die sogenannte Bioklippe habe ich selbst schon überschritten. Aber soweit ich weiß, gab es im vorigen Jahr eine Initiative, eine ortsübergreifende Juso-AG Büttelborn/Groß-Gerau zu gründen. Doch dann kam Corona … Ich bin zuversichtlich, dass es in Zukunft auch in Groß-Gerau eine Juso AG geben wird. Die jungen Menschen sind so politisch, wie schon lange nicht mehr. Fridays for Future führt uns das vor Augen. Chancenungleichheit, Umweltschutz, Nachhaltigkeit – das sind Themen, die jeden von uns unmittelbar betreffen, aber besonders jungen Menschen unter den Nägeln brennen.

Wagen Sie bitte eine Prognose? Wird die SPD eines Tages auch wieder den Bürgermeister in der Kreisstadt stellen? Und wie könnte das gelingen?

Sonja Dewald: Warum nicht die Bürgermeisterin? Ich bin sicher: Diese Zeiten kommen wieder. Nicht nur die „klassischen“ Themen wie eine zuverlässige und flächendeckende Kinderbetreuung oder die Schaffung von sozialem Wohnraum sind nur wirklich mit einem oder einer sozialdemokratischen Bürgermeister/in möglich. Die SPD ist /die/ Partei, bei der die zentralen Zukunftsthemen immer auch gepaart sind mit sozialen Aspekten: mehr Chancen, mehr Sicherheit, mehr Nachhaltigkeit, mehr Gerechtigkeit, mehr Teilhabe. Nur so kann Zukunft modern gestaltet werden. Und daran werden wir arbeiten.

Und könnte eine Bürgermeisterin von Groß-Gerau auch Sonja Dewald heißen?

Sonja Dewald: Nein, das strebe ich auf keinen Fall an, dieses Amt ist wirklich nichts für mich (lacht).

Zur Person: Sonja Dewald, von Beruf Augenoptikermeisterin, ist seit 1999 Mitglied der der SPD. Der Stadtverordnetenversammlung gehört sie mit Unterbrechungen von 2006 bis 2011 und von Februar 2018 bis heute an; Kontakt: sonja.dewald@gmx.de

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