Die Kirche im Dorf lassen

Von Ines Claus.
Doch was, wenn das Dorf bleibt und die Kirche verschwindet? Was wie eine Redewendung klingt, wird vielerorts Realität: leere Kirchenbänke, seltener werdende Gottesdienste, Gebäude, die verkauft oder aufgegeben werden.
Man stelle sich ein Dorf ohne Kirchturm vor – ohne Orientierungspunkt, ohne Raum, der Geschichte atmet, ohne Ort, der Gemeinschaft stiftet. Was ginge verloren, wenn es keine Gotteshäuser mehr gäbe?
In Deutschland gibt es über 40.000 Kirchengebäude, davon rund 3.330 allein in Hessen. Sie prägen Stadtbilder und Dorfkerne, sind Glaubensräume, Erinnerungsorte und identitätsstiftende Symbole. Sakralgebäude sind Heimat. Als besondere „Andersorte“ eröffnen sie Räume der Stille, der Begegnung und des Zusammenhalts – nicht nur für Gläubige, sondern für die gesamte Gesellschaft. Auch in Zukunft sollen Kirchen Orte des Glaubens, der Kultur, der Fürsorge und der Gemeinschaft bleiben.
Dieser Anspruch steht jedoch unter zunehmendem Druck. Sinkende Mitgliederzahlen sowie knapper werdende finanzielle und personelle Ressourcen stellen die Kirchen vor große Herausforderungen. Die zentrale Frage lautet daher: Wie lassen sich Sakralgebäude auch künftig erhalten und sinnvoll nutzen? Dabei ist klar: Kirchen gehören nicht allein den Institutionen, sondern vor allem den Menschen vor Ort. Ohne das Engagement Ehrenamtlicher wäre kirchliches Leben kaum denkbar. Deshalb darf die Zukunft der Kirchengebäude nicht allein in Verwaltungen oder Bistümern verhandelt werden – sie braucht den Dialog und gemeinsame Lösungen der Gesellschaft.
Auch politisch nehmen wir diese Verantwortung ernst. In meiner Rolle als Vorsitzende der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag stehe ich im engen Austausch mit der katholischen und evangelischen Kirche. Uns verbindet mehr als die Sorge um Gebäude. Wir teilen Werte: Verantwortung füreinander, die Bewahrung von Kultur und Tradition und den Blick darauf, was Menschen Halt und Orientierung gibt. Unser gemeinsames Ziel ist der Erhalt und die nachhaltige Nutzung von Kirchengebäuden – als Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Vor diesem Hintergrund haben wir gemeinsam mit den Kirchen den Zukunftskongress „Sakralbauten“ am 17. Januar im Hessischen Landtag in Wiesbaden veranstaltet. Politik, Kirche, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft kamen zusammen, um sich auszutauschen und erste Handlungsansätze zu entwickeln. Denn neben rein sakraler Nutzung oder vollständiger Umnutzung werden künftig vor allem erweiterte Nutzungskonzepte an Bedeutung gewinnen – als große Chance für die gesamte Gesellschaft. Der Kongress brachte rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen. Nach einer Keynote von Dr. Bruno Kahl, deutscher Botschafter beim Heiligen Stuhl, folgten Repliken von Kirchenpräsidentin Prof. Dr. Christiane Tietz und Generalvikar Dr. Michael Lang. In sechs Workshops wurden zentrale Fragen vertieft – von Kirchen als „Dritte Orte“ über rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen bis hin zu neuen Partnerschaften für den Erhalt der Gebäude.
Ein zentrales Ergebnis ist die „Wiesbadener Vereinbarung“: eine gemeinsame Erklärung der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag mit den katholischen und evangelischen Kirchen in Hessen. Sie versteht den Kongress als Auftakt für einen regelmäßigen Austausch, für konkrete Projekte und für bessere Rahmenbedingungen. Ziel sind Sanierungen, erweiterte Nutzungen und Umnutzungen von Sakralbauten, die Denkmalschutz und Nachhaltigkeit berücksichtigen und Kirchen als Orte der Begegnung stärken und zukunftsfähig machen.
„Die Kirche im Dorf lassen“ heißt heute, sie nicht sich selbst zu überlassen, sondern gemeinsam Verantwortung für ihre Zukunft zu übernehmen. Dafür setze ich mich ein.

ist direkt gewählte CDU-Abgeordnete im Hessischen Landtag; i.claus@ltg.hessen.de





