Musik war sein Leben

Von Walter Keber.

Mit Unterstützung der Kreissparkasse Groß-Gerau ist 2007 das Buch „Gesichter & Geschichten aus dem Kreis Groß-Gerau“ im Welzenbach Verlag erschienen (263 Seiten, 19,80 Euro). Es enthält 123 Porträts, verfasst von dem Journalisten Walter Keber (wkeber@t-online.de). Mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor druckt das WIR-Magazin diesmal einen Beitrag, der über Georg Mischlich, Nauheim, verfasst wurde.

„Ich hab‘ die Musik einfach gelebt – Musik war mein Leben“, so brachte 2006 Georg Mischlich im stolzen Alter von 98 Jahren alles auf den Punkt. Und er sagte das mit so viel jugendlichem Elan und Begeisterung, dass man gern glaubt, Musik hält einfach jung und fit. Über Jahrzehnte hat der am 5. März 1908 in Nauheim Geborene nicht nur in seiner Heimatgemeinde, sondern auch als langjähriger Leiter und Dirigent des Opel-Werksorchesters Herausragendes geleistet. Vieles in der Musikszene im Kreis Groß-Gerau wäre über die Jahrzehnte hinweg ohne ihn überhaupt nicht vorstellbar.

„Georg Mischlich ist die personifizierte Musik und Musikgeschichte in Nauheim.“ So lobte denn auch Bürgermeister Helmut Fischer beim Empfang zum 90. Geburtstag des Jubilars. Der hat in der Tat maßgeblich musikalisch am Ort den Takt und den guten Ton angegeben. Aber Georg Mischlich machte schon Musik, als Nauheim noch nicht die schmückende Bezeichnung Musikgemeinde trug, nachdem nach 1945 Heimatvertriebene aus dem Sudetenland am Ort eine blühende Musikindustrie aufgebaut hatten. „Als Kind habe ich Geige gelernt – zwölf war ich damals“, erinnert sich Georg Mischlich daran,

wie alles begann. Er wuchs als echter Nauheimer Bub in einer musikbegeisterten Familie mit sieben Geschwistern auf. Für die Leidenschaft Musik nahm er viele Schwierigkeiten und Mühen in Kauf. Nach dem Schulabschluss 1922 fuhr er jeden Tag mit dem Fahrrad nach Mainz, wo er eine kaufmännische Lehre absolvierte und dort auch – neben dem Beruf – eine intensive Musikausbildung genoss. Dieses solide Rüstzeug und enormes Talent führten dazu, dass er schon mit 17 Jahren den evangelischen Kirchenchor in Nauheim gründete und immer wieder als junger Chorleiter begeisterte. Wehrdienst, Musikakademie in Berlin und schließlich Kapellmeister in Wien, das sind weitere Stationen seines Lebens. Noch heute schmunzelt Georg Mischlich, weil ihn eines Tages in Wien ein Zuhörer nach einem Konzert pries: „Dem Namen nach sind Sie kein Wiener, aber der Musik nach könnten sie ein Wiener sein.“ Wer Wiener kennt, der weiß, welch gewaltiges Lob das war. Vieles von seinem späteren Wirken und seinen Erfolgen ist nur vor dem Hintergrund der ganzen Vorgeschichte verständlich. Seine Wurzeln blieben aber in Nauheim.

Wie für viele seiner Zeitgenossen drohte mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch für Georg Mischlich der große Absturz. Nach Nauheim kam er 1948 aus Gefangenschaft zurück. Dort hatte er allerdings schon wieder Musik machen können. „Das hat mich über die Zeit gebracht.“ In Nauheim folgte eine schwere Zeit. Seine Lage und die seiner Familie beschreibt er so: „Wir standen vor dem Nichts.“ 1949 hatte er wieder Boden unter den Füßen, als er bei Opel in Rüsselsheim einen Arbeitsplatz fand, als Planer in der Produktionssteuerung und später Sachbearbeiter in der Sozialabteilung. Vor allem übernahm er die Leitung des Werksorchesters. Das wuchs bald über die Dimension eines herkömmlichen Blasorchesters für die leichte Muse hinaus. Das 40-köpfige Orchester absolvierte einen

Schnellstart: Im September 1949 gegründet, begeisterte es schon beim ersten Konzert in der Weihnachtswoche, ließ etwas von einer großen Zukunft erahnen. Gespielt wurde damals unter der Überdachung des alten Kesselhauses des Automobilwerks. Mindestens zweimal die Woche war zuvor geprobt worden.

Was im Zeitraffer so leicht Revue passiert, war im Alltag ein dorniger Weg. So musste zur Existenzsicherung zunächst einmal jedem der bald 60 mitwirkenden Musiker ein Arbeitsplatz bei Opel organisiert werden. Außerdem galt es Arbeitszeiten so zu koordinieren, dass ein geordneter Übungsbetrieb und Auftritte möglich waren. Gespielt wurde in einheitlicher Kleidung und auf Opel-eigenen Instrumenten. Highlights waren neben zahlreichen Konzerten diesseits und jenseits des Werkszauns unter anderem die vorweihnachtlichen Konzerte von 1953 bis 1965, wozu ergänzend namhafte Künstler verpflichtet wurden. Das Opel-Werksorchester war ob der Qualität seiner Musik und seines Vortrags schnell ein Begriff und das Maß der Dinge, an dem sich andere Ensembles messen

lassen mussten, sei es beim Volksfest oder im Theater. Am 31. März 1970 schied Mischlich aus den Diensten der General-Motors-Tochter in Rüsselsheim aus, als „zuverlässiger und gewissenhafter Mitarbeiter“ gewürdigt. Aber er leitete noch zwei Jahre lang das Werksorchester. Dieses wurde später aufgelöst, was den Nauheimer noch heute mit Wehmut erfüllt.

Längst hatte er in Nauheim aber ein weiteres Standbein, das ihn musikalisch reichlich forderte, viel Arbeit, aber auch Freude bereitete. Im Mittelpunkt stand seit 1950 der von ihm mitbegründete Musikverein Nauheim, in dem einheimische sowie heimatvertriebene Musizierfreunde, darunter auch Instrumentenbauer, zusammenfanden. Damit wurde auch ein Beitrag zur Integration der Neubürger in das südhessische Dorf geleistet. Noch heute gilt dieser Musikverein als Garant für Musik vom Feinsten. 1989 gab Georg Mischlich den Taktstock in jüngere Hände ab.

Noch eine musikalische Tat wirkt nach: 1975 gründete Georg Mischlich die örtliche Musikschule, die für eine Gemeinde dieser Größenordnung ein ungewöhnliches Angebot unterbreitete und enorme Arbeit leistete, wodurch junge Menschen ein solides Rüstzeug für musikalisches Wirken mit auf den Lebensweg erhielten. Die Leitung der Musikschule hatte er bis 1980 inne. „Die Musikschule war eine gute Einrichtung und sie hat sich bewährt.“ Kein Wunder, dass Bürgermeister Fischer beim 90. Geburtstag lobte: „Georg Mischlich hat sich um Nauheim, um die Musik- und Kulturpflege in unserer Gemeinde verdient gemacht.“ Deshalb wurde ihm zunächst die Ehrenplakette und 1982 schließlich auch das Ehrenbürgerrecht verliehen.

Musik prägte vieles auch im Familienleben der Mischlichs. So erinnert sich seine Tochter, und der Senior bestätigt dies schmunzelnd, wie schwierig es in jenen Aufbaujahren gewesen sei, als die Kleiderschränke noch nicht so voll wie heute gewesen seien, immer rechtzeitig feine, saubere und adrette Kleidung für den Dirigenten Georg Mischlich für Auftritte in schneller zeitlicher Abfolge bereitzuhalten und herzurichten. Seine Frau habe ihm immer den Rücken für seine zahlreichen Verpflichtungen freigehalten.

Trotz alledem ist Georg Mischlich einfach und bescheiden geblieben, ohne Starallüren. Gerade dies hat ihn viele Freunde bis ins hohe Alter gewinnen lassen. Hinzu kam seine hoch geschätzte Fachkompetenz. Zudem war er immer bereit, Neues zu erproben und sich musikalisch weiterzubilden. Dafür steht eine große musikalische Schaffensspanne, von der begleitenden Filmmusik als Geiger zu dem Monumentalstreifen „Ben Hur“ bis zum klassischen Dirigentenpult des Werksorchesters. Im Rückblick sagt er selbst: „Die Liebe zur Musik zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.“

Zur Person: Georg Mischlich ist 1908 in Nauheim geboren, Ausbildung zum Kaufmann und Musikausbildung; 1948 aus Kriegsgefangenschaft zurück; 1949 zur Adam Opel AG in Rüsselsheim, Leitung des Werksorchesters bis 1972; 1950 mitbeteiligt an der Gründung des Musikvereins Nauheim und dessen Kapellmeister bis 1989; 1975 Gründung der Musikschule und deren Leitung bis 1980; Auszeichnungen, unter anderem Ehrenplakette und Ehrenbürgerrechte der Gemeinde Nauheim.

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