Große Herausforderungen, schöne Erfahrungen

Von Rainer Beutel.

Im Oktober 2022 scheidet Erster Kreisbeigeordneter Walter Astheimer (B‘90/Grüne) aus seinem Amt aus. Er hat an vorderer Stelle zwölf Jahre gemeinsam mit dem Landrat die Geschicke des Kreises mitbestimmt. Im Interview mit WIR-Redakteur Rainer Beutel zieht
er seine Bilanz.

Herr Astheimer, laut Koalitionsvertrag soll der nächste Erste Kreisbeigeordnete wieder von den Grünen kommen. Die Kreismitgliederversammlung der Grünen schlägt Herrn Adil Oyan für die Kandidatur als Nachfolger vor. Wäre die Zeit nicht reif für eine Frau?

Walter Astheimer: Adil Oyan ist in einem innerparteilichen Findungsprozess ausgewählt worden und wird das Amt des Ersten Kreisbeigeordneten sehr gut ausfüllen, davon bin ich überzeugt. Aber ehrlich gesagt muss ich Ihnen auch zustimmen. Ich persönlich denke, die Zeit wäre schon reif gewesen für eine Frau.

Welche Qualifikationen sollte man für das Amt eigentlich mitbringen?

Walter Astheimer: Verwaltungserfahrung ist wichtig, genauso die Offenheit für Neues und Offenheit für die Arbeit von Gremien, Verbänden und anderen Institutionen außerhalb der Verwaltung. Am wichtigsten aber ist in meinen Augen die Fähigkeit, auf Menschen zugehen zu können. Sie mitzunehmen und die eigenen Tätigkeitsfelder zu erklären. Um zu vermitteln, was in Politik und Verwaltung entschieden und umgesetzt wird.

Was waren in Ihrer Amtszeit die schwierigsten Aufgaben?

Walter Astheimer: Schwierig war es manchmal, bei Aufgaben wie Breibandausbau oder den Themen Klima/Umwelt/Energie die Zusammenarbeit mit den Kommunen in Schwung zu bringen. Vor großen Herausforderungen standen wir in den vergangenen beiden Jahren während der Corona-Pandemie, bei der Flüchtlingskrise von 2015/16, als in kürzester Zeit viele Menschen bei uns untergebracht werden mussten, und auch aktuell in Zusammenhang mit Geflüchteten vor dem Krieg in der Ukraine.

Was empfanden Sie als Höhepunkt?

Walter Astheimer: Da kann ich direkt an die vorige Frage anknüpfen. Wir haben es vor sechs, sieben Jahren geschafft, viele geflüchtete Menschen in kürzester Zeit in Wohnungen unterzubringen und zu versorgen. Das war eine schöne Erfahrung – als Kreis mit den Kreiskommunen zusammen und mit vielen Ehrenamtlichen vor Ort in einem Akt der Solidarität Menschen in Not zu helfen. Das hat mir gezeigt und hat mich gefreut: Wenn es wirklich darauf ankommt, wenn der Kreis gefordert wird, dann stehen wir hier alle zusammen!

Fällt Ihre Bilanz also insgesamt positiv aus?

Walter Astheimer: Meine Bilanz fällt ganz klar positiv aus. Wenn man einen solchen Job macht und nicht positiv eingestellt ist, sollte man es lassen. Wenn es mir nicht gefallen hätte, dann hätte ich die zweite Amtszeit nicht mehr begonnen. Klar, es waren auch schwierige Zeiten zu bewältigen und die Arbeit ist nicht immer Zuckerschlecken. Aber für mich war dieser Beruf Berufung und Freude, weil ich Themen und Inhalte, die mir wichtig sind, umsetzen konnte. Auch konnte ich mich immer auf die Kompetenz und Erfahrung meiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Landratsamt verlassen.

Blenden wir zurück: Hätte man Ihnen zu Beginn ihrer Amtszeit im Jahr 2000 gesagt, dass Sie zwölf Jahre mit Thomas Will (SPD) an vorderster Stelle die Geschicke des Kreises steuern, was hätten Sie geantwortet?

Walter Astheimer: Auch wenn die zwölf Jahre nicht von Anfang an geplant waren: Ich habe es mir gut vorstellen können, lange mit Thomas Will zum Wohle des Kreises zusammenzuarbeiten. Wir stammen beide aus Bischofsheim und ich kenne Thomas Will schon von Kindesbeinen an, es gibt auch politisch viele Anknüpfungspunkte. Das passte gut zusammen. Im Rückblick waren es 12 erfolgreiche Jahre, die wir gemeinsam im Kreis gewirkt haben.

Sie wurden als junger Mann zum Werkzeugmacher bei Opel ausgebildet, haben an der Fachhochschule Darmstadt Bauingenieurwesen studiert und danach an der TH Darmstadt ein Gewerbelehrerstudium in den Bereichen Baugewerbe, Sport und Soziologie absolviert. Anschließend arbeiteten sie als Berufsschullehrer. Wie kamen Sie eigentlich zur Politik, und wann bzw. warum wurden Sie, wenn ich das mal salopp formulieren darf, ein Grüner?

Walter Astheimer: Mein Interesse an Politik wuchs nach meiner Ausbildung bei Opel. Dort sprachen mich Vertrauensleute an. Ich habe Seminare in einem Gewerkschaftsbildungshaus besucht. Zur Bewegung der Grünen kam ich dann wie so viele bei uns im Zusammenhang mit der Opposition gegen den Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen. Für mich kam politisch nichts anderes als die Grünen in Frage. Interesse an Natur und Umwelt hatte ich ohnehin von klein auf, auch weil meine Eltern Landwirte waren. Als ich nach Trebur umzog, hatte ich vom ersten Tag an Kontakt zu dortigen Umweltgruppen. Und 1984 habe ich die Grüne Liste in Trebur mitgegründet, als Alternative zu den bestehenden Parteien.

Ziehen Sie sich jetzt aus der Politik weitgehend zurück oder haben Sie neue (politische) Ziele? Sie könnten sich mit ihrem Wissen und allen Erfahrungen beispielsweise wieder in der Kommunalpolitik engagieren …

Walter Astheimer: Das steht in den Sternen. Bei der Liste Bündnis 90/Die Grünen Nauheim bin ich weit oben auf der Nachrückerliste für die Gemeindevertretung zu finden. Aber jetzt kommt erst einmal die Rente und kommt Abstand zum Amt.

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