So kennt man mich

Von Rainer Beutel.

Roland Kappes pflegt in der Gemeinde Nauheim seit seinem Amtsantritt als Bürgermeister im Juli 2023 einen neuen ungewohnten Stil, der sich mit dem Begriff „Bürgernähe“ umschreiben lässt. Vorteilhaft dabei scheint sein Status als Parteiloser. Wie er vorankommt, was die nächsten, wichtigen Projekte sind und wie er Verantwortung übernimmt, schildert Kappes im Interview mit WIR-Redakteur Rainer Beutel.

Herr Kappes, wie läuft‘s als Nauheimer Bürgermeister? Alles sehr ungewohnt, oder gibt es Parallelen zu Ihrem bisherigen Beruf als Handwerksmeister?

Roland Kappes: Es läuft durchweg gut, wobei es natürlich noch Luft nach oben gibt. Im Vergleich zu meiner vorherigen Arbeit als Handwerksmeister erkenne ich deutliche Unterschiede. In meinem früheren Beruf trug ich Haftung und Verantwortung für eigenständig getroffene Entscheidungen. Als Bürgermeister erfolgt vermehrt Abstimmung, was zwar grundsätzlich positiv ist, jedoch auch manchmal schnelle Entscheidungen hemmt. Die Haftung und Verantwortung trage ich auch hier. Die Kommunikation in der Verwaltung unterscheidet sich ebenfalls wesentlich von meinem handwerklichen Hintergrund. Aber ich gewöhne mich daran, wobei ich Gegenwind dazu auch manchmal einfach in Kauf nehme. Ich sage oft was ich denke, so kennt man mich.

Welche guten Erfahrungen aus Ihrem früheren Berufsleben würden Sie gerne auf Ihre neuen Mitarbeiter in der Verwaltung oder sogar auf die gesamte Gemeinde übertragen?

Roland Kappes: Mehr Spontanität und weniger Bürokratie. Davon abgesehen bin ich der Meinung, dass eine konstruktive und fachübergreifende Kommunikation für gute Ergebnisse wichtig ist. Allgemein, unabhängig von Mitarbeitern und Gemeinde, habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine gute Zusammenarbeit auf Augenhöhe besser möglich ist, wenn man das Recht auf Rechthaben aufgibt. Innerhalb der Verwaltung wünsche ich mir offene Türen. Die Möglichkeit, Probleme offen ansprechen zu können und Teamarbeit beschleunigen Lösungsfindungen. Vier oder sechs Augen sehen mehr als zwei Augen. Ein lösungsorientierter Umgang mit Problemen, Kritikfähigkeit und das Vertrauen auch in junge Mitarbeitende sind grundlegend. Mögliche Fehler sollten erst einmal als wichtige Lerngelegenheiten betrachtet werden.

Sie blicken Ende 2023/Anfang 2024 auf eine große Aufgabe: In Kürze wird der erste Haushaltsplan, den Sie zu verantworten haben, eingebracht. Inwiefern wird darin Ihre Handschrift zu sehen sein?

Roland Kappes: Ich trage die Verantwortung als Bürgermeister für den Haushaltsplan, allerdings hatte ich keinen Einfluss auf negative Zahlen. Der Gemeindevorstand befindet sich gerade in der Phase der Aufstellung des Haushaltsplans. Es wurden notwendige Einsparungen vorgenommen, darunter die Verschiebung von Neubauprojekten und nicht dringlichen Renovierungen. Das stellt aber nur einen Aspekt dar, denn wir haben in verschiedenen Bereichen Anpassungen vorgenommen.

Vor welchen Herausforderungen steht die Gemeinde in den nächsten fünf Jahren?

Roland Kappes: Die Erstellung eines genehmigungsfähigen Finanzhaushaltes stellt eine der größten Herausforderungen dar. Der soziale Wohnungsbau sowie die Bewältigung von Leerständen und die Unterbringung von Bedürftigen sind ebenfalls wichtige Themen, genauso wie die Umsetzung der Tartanbahn im Sportpark. Die Vermarktung des neuen Gewerbeparks mit Blick auf Nachhaltigkeit wird ein wichtiger Punkt für die Wirtschaftsförderung.

Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit mit der örtlichen Politik?

Roland Kappes: Die Zusammenarbeit läuft im Großen und Ganzen positiv, wobei die Dynamik natürlich je nach Thema variiert. Bei Umweltfragen empfinde ich die Kooperation als besonders produktiv, und auch die Abstimmung zu Angelegenheiten rum das Gewerbegebiet verläuft gut. Trotzdem gibt es Potenzial zur kontinuierlichen Verbesserung in der Gesamtheit der Zusammenarbeit.

Als parteiloser Verwaltungschef müssen Sie für eigene Ideen politische Mitstreiter finden, wenn es um Beschlüsse geht. Wie gelingt das bislang?

Roland Kappes: Die Betonung der Gemeindebelange über Einzelinteressen ist mein Ansatz. Dieser Grundsatz findet meistens Zustimmung, was die Suche nach politischer Unterstützung erleichtert. Eine klare Kommunikation und das Hervorheben des Gemeinwohls bilden hier die Grundlage für Erfolg.

Sie scheuen auch als Gemeindeoberhaupt keine klaren Worte und haben schon, wenn man so will, für mehr Ehrlichkeit in der Politik plädiert. Könnten Sie sich vorstellen, auch als Kommunalpolitiker aktiv zu werden, also beispielsweise durch einen Parteieintritt?

Roland Kappes: Nein, ich möchte meine Meinungsfreiheit bewahren und unabhängig bleiben. Parteigrenzen entsprechen nicht meinen Prinzipien. Ich äußere meine Ansichten offen, unabhängig von politischen Loyalitäten.

In der Gemeindeverwaltung gibt es neben Ihnen mehrere neue Mitarbeiter in verantwortungsvollen Positionen. Bringen diese Kräfte neuen Schwung mit, oder ist die Eingewöhnungsphase so schwer, dass an neue Impulse noch nicht zu denken ist?

Roland Kappes: Klar ist, dass eine Integration immer etwas Zeit braucht. Mal mehr, mal weniger. Das kommt auch ganz auf den Typ Mensch an, der hinter der Position steht. Jeder macht seinen Job anders, abgesehen von Fachkenntnissen, die jeder einzelne mitbringt. Ich habe nicht den Eindruck, dass irgendwer wirklich ausgebremst ist. Durch den Wechsel an vielen Stellen gibt es überall gute Impulse. Die Früchte werden wir ganz sicher ernten.“

Gelingt es Ihnen, die Bevölkerung auf Ihrem Kurs mitzunehmen?

Roland Kappes: Die Unterstützung der Bevölkerung ist besonders dann leicht zu gewinnen, wenn es um ihre spezifischen Anliegen geht. Meine Praxis, direkt mit den Menschen in Kontakt zu treten, fördert das Verständnis für Entscheidungen. Durch offene und direkte Gespräche entsteht bei vielen Menschen im Laufe der Zeit ein tieferes Verständnis für die getroffenen Maßnahmen.

Wenn Sie das Rad zurückdrehen könnten: Würden Sie – Stand heute – wieder als Bürgermeister kandidieren?

Roland Kappes: Ja, die Amtsausübung als Bürgermeister erweitert meinen Horizont. Der abwechslungsreiche Alltag und die Auseinandersetzung mit den Belangen der Bevölkerung, einschließlich der Mitarbeitenden, bereichern meine tägliche Arbeit. Je mehr ich den Durchblick bekomme, desto größer ist meine Freude an dem was ich tue.

Kontakt: rkappes@nauheim.de

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