Die Lustsäule im Stadtwald

Von Peter Erfurth.

Aus der Heimatzeitung von 1957: Im Gerauer Wald, unweit der Stelle, wo die Privilegierte Schützengesellschaft zur Zeit ihr neues Schützenhaus errichtet, steht das älteste Denkmal der Kreisstadt, das nunmehr auf das beachtliche Alter von 175 Jahren zurückblicken kann.

Ein schlichtes Schild mit der Inschrift „Denksäule“ weist auf seinen Standort hin, einen kleinen freien Platz mit zwei Ruhebänken. Früher war das Denkmal, im Volksmund auch „Lustsäule“ genannt, ein beliebtes Ziel sonntäglicher Spaziergänge. In unserer motorisierten Gegenwart aber steckt man die Ausflugsziele weiter, und so kommt es, daß man dort nur noch selten einen Besucher antrifft.
So mag der Löwe auf der Spitze des vier Meter hohen Obelisks aus gelb-rotem Sandstein vielleicht verwundert sein Haupt schütteln ob solcher Vernachlässigung. Schließlich wurde das Denkmal seinerzeit „frohlockend über die Glückseligkeit unserer Zeit und deren Nachkommen“ von den Groß-Gerauer Bürgern errichtet.

Die Lustsäule im Stadtwald

Zwar beraubten ihn jene Nachkommen zu der Zeit, als die Monarchie in Deutschland und Hessen zu Ende ging, seiner Krone, doch steht er trotz des teilweise an seinem Sockel nagenden Zahnes der Zeit noch unerschüttert, übrigens die plastische Ausführung des im 18. Jahrhundert gebräuchlichen Stadtsiegels, das einen Löwen mit einem Kreuz in den Pranken zeigt.

Gelegentlich wurde das Denkmal auch schon zum Groß-Gerauer „Langen Lui“ umdeklariert. Wenn gemäß der Rangordnung auch wesentlich kleiner als sein Darmstädter „Vetter“, so ist seine Entstehungsgeschichte doch nicht minder interessant.

Im August 1782 hielt nämlich der damalige Erbprinz von Hessen und spätere Großherzog Ludwig I. an der gleichen Stelle mit seiner Gemahlin und zahlreichem Gefolge anläßlich einer mehrtägigen Jagd im Gerauer Wildpark ein sogenanntes Lustlager. Daher auch die volkstümliche Bezeichnung „Lustsäule“. Zwölf Tage lang entfaltete sich hier ein äußerst prunkvolles höfisches Lagerleben, daß die Groß-Gerauer offenbar so beeindruckte, daß sie beschlossen, die Tatsache der Nachwelt in Stein zu überliefern.
So erfährt denn der Spaziergänger, daß sich der Erbprinz mit Gemahlin und Gefolge „zwölf Tage lang höchst vergnügt und zur Freude des Volckes auf diesem Feld aufgehalten“ hat.

Steinhauermeister Andreas Hegemann aus Miltenberg, der auch die Fassadensteine für die 1791 erbaute und 1944 schwer beschädigte Rüsselsheimer Kirche lieferte, wurde mit der Ausführung betraut. Die Inschrift in lateinischer und deutscher Sprache verfaßte der damalige Pfarrer und Metropolitan von Groß-Gerau und spätere Darmstädter Kirchenrat Georg Nikolaus Wiener.

Sicherlich kann man über die Glückseligkeit der damaligen Zeit geteilter Meinung sein; trotzdem sollte man dem alten Denkmal seine Aufmerksamkeit nicht versagen, denn es ist doch immerhin ein interessantes Stückchen Stadtgeschichte.

Aus den Unterlagen des Groß-Gerauer Stadtmuseums.

Peter Erfurth
ist Datenbank-Spezialist des Groß-Gerauer Stadtmuseums;
pedepe@gmx.de

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