Ins Gedächtnis eingebrannt

Von Siggi Liersch.

Jeder, der heute um die vierzig Jahre alt ist, wird sich an den 11. September 2001 erinnern, ja, er wird wohl sogar noch wissen, wo genau er zu diesem Zeitpunkt war und aus welchen Vorhaben für diesen Tag er herausgerissen wurde. Ein Datum, das wohl niemand vergessen hat. Aber auch die Nachgeborenen wissen um die faktische wie symbolische Bedeutung dieses Datums für die Weltpolitik.

Ich arbeitete damals als Dialogtrainer in einem großen Callcenter in Frankfurt und ging nach einem Trainingsgespräch zum Thema Terminvereinbarung für Versicherungsspezialisten in den Aufenthaltsraum, um einen Kaffee zu trinken. In meiner Erinnerung ist das der erste Kaffee in einer schlagartig veränderten Welt. Atemlos, erstaunt, geschockt und starr vor Schreck zückte ich mein Sporadisches Tagebuch, das ich überall mit mir führe, und notierte dieses Unbegreifbare. Hier ein winziger Ausschnitt von dem, was mir damals durch den Kopf schoss: „Was passiert in New York, während ich nur einen Kaffee trinken will? Zwei Passagierflugzeuge rasen in die beiden Türme des World Trade Centers, ein weiteres aufs Pentagon. Wie wird Bush reagieren? Bush, der seine Hausaufgaben in puncto Nahostpolitik nicht gemacht hat!“ Im Tagebuch finden sich noch viele Beschreibungen, die das eigentlich Unbeschreibbare verdeutlichen wollen, wobei das Unfassbare jede Darstellung überdeckt.

Der Suhrkamp Verlag legt nun mit „Und auf einmal diese Stille“ eine Hardcover-Ausgabe im Taschenbuchprogramm als gebundene Sonderausgabe vor. Die amerikanische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel „The Only Plane in the Sky“. Damit ist die Air Force One des amerikanischen Präsidenten gemeint, die sich als einziges Flugzeug während dieser Zeit noch im Luftraum aufhalten durfte. Der Ablauf im Buch liegt in der Form der Oral History vor. Das sind die dokumentierten Originalworte und Interviews, die Garrett M. Graff im Lauf von mehreren Jahren zusammengetragen hat. Mit der Oral-History-Spezialistin Jenny Pachucki, die ihre Karriere als Historikerin den Geschichten des 11. September gewidmet hat und für Graff über 5000 relevante Tonaufnahmen, Videos, Zeitzeugenberichte und Dokumentationen in Sammlungen und Archiven im ganzen Land ausfindig gemacht hat, hat er zwei Jahre lang zusammengearbeitet. Diese Worte waren fast zwanzig Jahre lang nur vereinzelt in Dokumentationen zum 11. September zu hören. Erst mit seinen akribischen Nachforschungen hat Graff die Stimmen der Einsatzkräfte, der Zeugen und der Überlebenden in diesem fünfhundert Seiten starken Buch versammelt und daraus eine Abfolge von überwältigenden Kleinsterzählungen und privaten Darstellungen komponiert. Seine Zusammenstellung der O-Töne lassen im Lesenden Bilder und Geschichten entstehen und bereiten den Boden für die unseligen Konsequenzen, die in den bekannten Kriegsmaßnahmen und weiterem unfassbaren Leid menschlicher Schicksale mündeten. Dieses Buch möchte dokumentieren, wie die Amerikaner diesen Tag sozusagen am eigenen Leib erlebt und welche Erschütterungen die Anschläge von New York, am Pentagon und über Somerset County in Pennsylvania im normalen Leben des Landes ausgelöst haben.

Der Koran, mit dem die Attentäter religiös argumentieren, folgt keiner terroristischen Grundlinie:
„Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet“ (Koran 5:32)

Garrett M. Graff: Und auf einmal diese Stille.
Die Oral History des 11. September, Suhrkamp, 2021, 541 Seiten, 15,-€

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