Leben vor dem WIR-Magazin

Von Jürgen Volkmann.

Was hat der Herausgeber und Gründer dieser Zeitung eigentlich davor gemacht. Anlässlich des 20-jährigen WIR-Jubiläums haben wir den Groß-­Gerauer Museumsleiter Jürgen Volkmann einmal darum gebeten, dies herauszufinden und aus seiner Sicht, quasi von außen zu betrachten.

Man kennt ihn als Herausgeber des WIR-Magazins, das in monatlicher Folge Akteure vor Ort zu Wort kommen lässt, um auf diese Weise am Puls der Zeit und unserer Region zu sein. Auch durch die von ihm zahlreich initiierten kulturellen Formate – z.B. „Das Beste aus dem Gerauer Land“, „Kulturkabinett“ oder der „Kulturstammtisch“ – besitzt er eine hohe Präsenz im kulturellen Leben der Kreisstadt.

Weniger bekannt ist jedoch, dass er zuvor über Jahrzehnte als erfolgreicher Kulturjournalist gewirkt hat und dabei einen tiefen Einblick in die Literatur- und Kulturszene unseres Landes gewinnen konnte. Die bemerkenswerten Begegnungen und Erlebnisse hat er jetzt in einem Buch zusammengefasst, das im Herbst 2021 erscheinen soll. Ich hatte Gelegenheit, ihn vorab schon einmal dazu zu befragen und ihn in seinem Haus in der Groß-Gerauer Nordsiedlung besucht. „Hallo Jürgen, Du bist ja wirklich pünktlich!“, so lautet die vertraute Begrüßung – wir beide kennen uns als Kulturschaffende natürlich seit Jahren und haben vielfach zusammengewirkt. Wir betreten gleich sein Arbeitszimmer – er nennt es „Schmitt’s Redaktionsstube“ – und man malt sich sogleich aus, was an diesem großen, über Eck reichenden Schreibtisch schon alles gedacht und geschrieben worden ist. Platz nehmen wir in der anschließenden umfangreichen Bibliothek, deren Schwerpunkt auf Lyrikbänden liegt. In der Mitte des Raumes steht ein Esstisch und mir gefällt das Zusammenführen von Geist und Kulinarik – Essen, Trinken und dabei stattfindende Kommunikation ist vielleicht die beste Kulturleistung, die der Mensch hervorgebracht hat.

Wir tauschen uns wie immer über das Zeitgeschehen aus, kommen aber ob meiner Neugier gleich zu seinem Werk; „Willkommen in der Aula meiner Erinnerungen – Begegnungen, Beobachtungen, Erlebtes in 50 Jahren Journalismus“ lautet der schon recht verbindliche Arbeitstitel. „Wen hast Du denn da alles in Deiner Aula versammelt, Christian?“, frage ich ihn ohne Umschweife. Tatsächlich sind es rund 400 Persönlichkeiten aus Literatur, Buchmarkt, Kultur, Theologie, Wirtschaft und Politik, denen er persönlich begegnet ist und über die er im Laufe seiner journalistischen Tätigkeit für mehr als 120 Zeitungen, Magazine, Nachrichtendienste und Rundfunkanstalten geschrieben hat. Es ist, wie ich schnell und mit einem gewissen Staunen feststellen kann, das „Who is Who“ der deutschen Literatur- und Kulturszene der letzten Jahrzehnte, ob Günter Grass, Herta Müller, Elfriede Jelinek, Siegfried Unseld oder Joachim Gauck und Hans Küng, wir könnten ein biographisches Lexikon von Nachkriegs-Autoren aufschlagen und würden sofort in seiner Liste fündig. „Mich haben Menschen interessiert, die sich kreativ einbringen und Dinge schaffen, die das Leben lebenswert machen“ fasst W. Christian Schmitt seine Motivation zusammen.

Dabei war dieser Werdegang keinesfalls absehbar, wollte doch sein Vater, ein Werkmeister im Groß-Gerauer Press- und Stanzwerk Faulstroh, dass er nach einer Lehre zum Werkzeugmacher den Weg zum Ingenieur einschlägt. Der Lehrling interessierte sich bald aber vielmehr für die Welt der Bücher und machte sich daran, auf dem Prälat-Diehl-Gymnasium das Abitur nachzuholen. Es gab erste lyrische Versuche und schließlich erschien eine von ihm herausgegebene Jugendzeitschrift für literaturinteressierte junge Leute.

Mit diesen ersten journalistischen Erfahrungen und dem Mut, diesen Weg weitergehen zu wollen, bewarb er sich um ein Volontariat in der renommierten Feuilletonredaktion des Darmstädter Echos. „Ich rief dort an und bat wie selbstverständlich darum, mit dem Chefredakteur verbunden zu werden, was zu meiner Überraschung auch sofort klappte!“ berichtet er mit diebischem Lächeln. Zunächst musste er sich jedoch in der Provinz beweisen und es galt, sein Können an Sängerabenden und Karnevalssitzungen zu erproben. Sein erster Artikel erschien am 10. Januar 1966 in der Groß-Gerauer Heimatzeitung und berichtete von einem Vortragsabend der „Gesellschaft der Musikfreunde“. Den Artikel hat er natürlich sorgsam aufbewahrt. Wir schauen ihn uns später in seinem Archiv an – er ist einer von sage und schreibe mehr als 7.000 Zeitungsbeiträgen, die von ihm erschienen sind.
Nach dieser Lehrzeit öffneten sich aber die Türen der angestrebten Feuilleton-Redaktion. Sein Chef war der große Georg Hensel, der später auch die Theaterkritik der FAZ repräsentierte. „Streichen Sie zum Schluss immer den ersten Absatz. Der ist nur zum Warmschreiben!“, war einer von Hensels Lehrsätzen und „Sie schreiben nicht für sich, sondern fürs Publikum. Alle müssen es verstehen, die Toilettenfrau wie der Professor.“

„Ich hatte immer Glück“, sinniert W. Christian Schmitt über seinen weiteren journalistischen Weg zur Hannoverschen Allgemeinen, zum Buchreport und schließlich in die Chefredaktion des Börsenblatts für den Deutschen Buchhandel. Nur will dieses Urteil mich nicht recht überzeugen. Nimmt man die Neugier und den Mut, die seinen journalistischen Weg immer wieder begleitet haben, trifft – so mein Gedanke – eher ein anderer Grundsatz Hensels auf ihn zu: Man müsse die Chancen ergreifen, die sich einem bieten und auch dahin gehen, wo’s wehtut.

Mit dem Renommee des Börsenvereins im Rücken öffneten sich in der Folgezeit alle Tore, und die vielen Begegnungen verbinden sich immer wieder mit Anekdoten, die schmunzeln lassen. Etwa als er Günter Grass zur Buchmessen-Zeit zu einer Lesung nach Reichelsheim im Odenwald locken konnte. Der war auf den viel näher gelegenen, gleichlautenden Ort in der Wetterau eingestellt und wunderte sich über die länger und länger werdende Fahrt, ohne darüber jedoch in Unmut zu geraten. Vor Ort erwarb sich Grass viel Sympathie, ob seiner Umgänglichkeit, die sich auch im Lob für den reichlich angebotenen Odenwälder Blechkuchen äußerste.

Lächelnd und kopfschüttelnd berichtet Christian von seinem Interview-Termin mit Reinhard Mohn, Verleger des weltweit agierenden Bertelsmann Medienkonzerns. Eine halbe Stunde musste Mohn auf ihn warten und entsprechend frostig war zunächst die Atmosphäre. „Herr Mohn, wo ist hier denn eine Steckdose?“ (für das Interview-Aufnahmegerät), war die erste Frage, die die Stimmung nicht gerade entspannte. Doch das Interview entwickelte sich dennoch gut und zum Schluss war es Mohn, der ihn nicht mehr gehen lassen wollte.

Emotionale Momente erlebte er nach dem Fall der Mauer, als er durch seine schon zuvor gepflegten Kontakte zu ostdeutschen Autoren bereits am 23. November 1989 in Ostberlin mit Journalisten-Kollegen zusammenkam, die noch nicht fassen konnten, was das Ende der DDR nun für sie an Entfaltungsmöglichkeiten bot.

W. Christian Schmitt stapelt tief, wenn er erwähnt, dass das Buch lediglich für ihn und seine Enkel geschrieben sei und von Bedeutung wäre. Ich gewinne den Eindruck, dass hier ein Journalist ganz anders als in den üblichen Darstellungen zur Literaturszene in der Lage war, Menschliches sichtbar werden zu lassen und Hintergründe, die die offiziell erzeugte, auf das Werk gerichtete Sicht nicht hergibt und das Ganze in einer Breite und Vielfalt, die beeindruckt. Die Zeit verrinnt wie im Flug und beim anschließenden Gang durch sein Archiv wird angesichts von Dutzenden Ordnern und Kartons physisch erfahrbar, welch reiches journalistisches Leben sich mit meinem Gegenüber verbindet. „Was wirst Du denn nach diesem Buchprojekt machen?“, ist meine letzte Frage vor dem Abschied und – noch im Kellerarchiv stehend – weist er auf zwei große Kartons hin, in denen eine Modelleisenbahn gelagert ist. „Dann wird die aufgebaut. Ich wusste ja gar nicht, dass ich so viele Lokomotiven habe“, lautet seine verschmitzte Antwort!

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