Sicher durch bewegte Zeiten

Von Walter Keber.

Mit Unterstützung der Kreissparkasse Groß-Gerau ist 2007 das Buch „Gesichter & Geschichten aus dem Kreis Groß-Gerau“ im Welzenbach Verlag erschienen (263 Seiten, 19,80 Euro). Es enthält 123 Porträts, verfasst von dem Journalisten Walter Keber (wkeber@t-online.de). Mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor druckt das WIR-Magazin diesmal einen Beitrag, der über Berthold Lösch (l.) verfasst wurde.

„Willst Du Lehrer oder Bürgermeister sein?“ Diese Frage stellte sich in der ersten Hälfte der 1970er dem Treburer Berthold Lösch drängend. Weil beides reizvoll war, überlegte er gut, und am Ende lautete die Antwort: Der am 6. März 1938 Geborene entschied sich für die Position des Gemeindeoberhauptes. So wirkte der Sozialdemokrat Lösch von 1975 bis 1995 als hauptamtlicher Bürgermeister der Großgemeinde, deren Historie weit zurückreicht und die als Kaiserpfalz sowie als einer der Ausgangspunkte des von Kaiser Heinrich IV. 1076/77 angetretenen Gangs nach Canossa europäische Geschichte schrieb. Positive Spuren hat Berthold Lösch in der jüngeren Geschichte dieser Gemeinde hinterlassen, war sie doch am Ende seiner 20-jährigen Amtszeit nicht nur völlig schuldenfrei, sondern hatte auch noch elf Millionen Mark Rücklagen auf der hohen Kante! Berthold Lösch wuchs in Trebur auf, ging hier zur Schule, absolvierte zunächst eine Lehre im Landratsamt und arbeitete dort drei Jahre als Verwaltungsangestellter. Übers Hessenkolleg holte er auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach, studierte Germanistik, politische Wissenschaften und Geschichte. „Das hat mir sehr gutgetan – der Horizont ist geweitet worden.“ Nach erfolgreichem Abschluss und Examen fürs Lehramt sowie Referendarzeit arbeitete der junge Pädagoge von 1970 bis 1975 am Rüsselsheimer Kant-Gymnasium. „Ich war mit Leib und Seele Lehrer.“ [Bis zuletzt freute; Red.] er sich über das gute Verhältnis zu vielen Schülern.

1956 in die SPD eingetreten, engagierte er sich zunächst ehrenamtlich in der Kommunalpolitik, war von 1964 an Gemeindevertreter in Trebur. Er stammt[e] aus einer Familie, die schon traditionell am kommunalen Leben teilnahm und sich fürs Gemeinwohl engagierte. 1972 übernahm Berthold Lösch ehrenamtlich sogar die Aufgaben des Ersten Beigeordneten und Stellvertreters des Bürgermeisters. „Das war nicht so einfach.“ Oft sei er als Vertretung des erkrankten Bürgermeisters direkt von der Schule ins Rathaus zum nächsten Dienst gehetzt. Zudem habe er ja noch weitere Ehrenämter ausgeübt, beispielsweise als Schöffe am Landgericht Darmstadt bei manchmal mehrere Tage andauernden Prozessen.

Die ersten Bürgermeisterjahre im überschaubaren Dorf Trebur, wo er beinahe jeden kannte, seien sehr schön gewesen. „Dieser Zeit trauere ich etwas nach.“ Denn zum 1. Januar 1977 habe mit der hessischen Verwaltungsreform auf Gemeindeebene der aufgabenreiche Zusammenschluss Treburs mit Astheim und Geinsheim angestanden. Während einer kurzen Übergangszeit wirkte Lösch als Staatsbeauftragter Bürgermeister, war später wieder regulär Chef des nunmehr weitaus größeren Gemeinwesens. Dies alles sei nicht einfach gewesen. Manche Ängste und Sorgen der neuen Gemeindeteile, mit zudem recht unterschiedlicher Infrastruktur und verschiedenen Ausgangspositionen, hätten überwunden werden müssen. Schließlich habe alles doch in geordnete Bahnen gelenkt werden können und habe sich die Einsicht durchgesetzt: „Die Gebietsreform war keine Eingemeindung, sondern eine Zusammenlegung von vier Gemeinden.“ Endlich sei dann klar gewesen, dass die Treburer niemand hätten vereinnahmen wollen.

Behutsam, aber stetig sei das Zusammenwachsen über die Bühne gegangen, jeder habe gekriegt, was er benötigt habe, niemand von den neuen Partnern sei benachteiligt worden. Sehr geholfen hätten ihm in dieser schwierigen Phase die Landfrauen, die Feuerwehr und der Vereinsring, lobt Lösch im Rückblick. Das neue Wir-Gefühl habe auch das zur Eröffnung des neuen Treburer Rathauses erstmals gefeierte und gut bei den Einwohnern angekommene Bürgerfest gefördert, sodass es fortan zur festen Einrichtung geworden sei.

Allerdings, am Ende dieser ersten Phase und der Bemühungen um in etwa gleiche Angebote in der Daseinsvorsorge in allen Ortsteilen seien in der neuen Großgemeinde erhebliche Schulden aufgelaufen – stolze 14 Millionen Mark. Berthold Lösch: „Da kam ein Glücksfall.“ Es sei gelungen, beim Ortsteil Geinsheim die Deutschland-Zentrale des japanischen Automobilkonzerns Mitsubishi mit mehreren hundert Arbeitsplätzen anzusiedeln. Die Eröffnung fand 1981 statt. So hatte die Gemeinde plötzlich einen neuen und potenten Steuerzahler gewonnen. Kontinuierlich wurden der Schuldenberg abgetragen und Rücklagen gebildet, sodass Trebur zeitweilig zu Hessens reichsten Kommunen zählte.

Mit der Großgemeinde ging es in Löschs Amtszeit enorm aufwärts. Gern erinnert[e] sich der Ex-Bürgermeister an viele Projekte, besonders an das ihm am Herzen liegende Dorferneuerungsprogramm: „Das ist etwas, auf das ich besonders stolz bin.“ Einerseits sei ein modernes Gemeinwesen mit Lebensqualität geschaffen und andererseits der dörfliche Charakter erhalten worden. Wichtig [war] Lösch auch die Verschwisterung mit der französischen Gemeinde Verneuil im Jahr 1982. So habe man einen Beitrag leisten können, dass sich die Menschen Europas auf kommunaler Ebene näher kämen.

Erhebliche Anstrengungen hätten in diesen Jahrzehnten auch für den Umweltschutz aufgewendet werden müssen. Denn immer wieder habe es Begehrlichkeiten nach diesem Teil im Westen des Kreises Groß-Gerau gegeben – von den Plänen zur Ansiedlung einer Raffinerie über die Standortsuche für neue Kraftwerke bis zur Skizze für eine Schnellbahntrasse. Er sei froh, dass all dies verhindert worden sei. Maxime sei für ihn persönlich immer gewesen, die Naturlandschaft hinter dem Ortsdamm nach Westen hin nicht anzutasten, sondern der Nachwelt zu erhalten.

Stolz [war] Berthold Lösch vor allem auch auf die damals gute Zusammenarbeit der Kommunalpolitiker über Parteigrenzen hinweg. „Der Gemeindevorstand war wirklich ein Kollegialorgan.“ Lösch, der bewusst selbst den Zeitpunkt zum Rückzug ins Private bestimmen wollte, fühlte sich zeit seines politischen Lebens immer an erster Stelle der Großgemeinde Trebur und ihren Menschen verpflichtet. Deshalb saß er auch bewusst nur vier Jahre im Groß-Gerauer Kreistag, von 1977 bis 1981.

Allzu schwer fiel ihm nach so vielen arbeitsreichen Jahren der Abschied in den Ruhestand am Ende nicht. Außerdem hatte er zuvor schon – so weit zeitlich überhaupt möglich – noch andere Interessen gepflegt, etwa die Gartenarbeit. Für dies alles [blieb nun] mehr Zeit, außerdem für Wandern und Radfahren, was er gemeinsam 

mit seiner Frau pflegt[e]. Besonders angetan [hatte] es ihnen übrigens die Alpenlandschaft, die Ziel diverser Reisen [gewesen war].

Zur Person: Berthold Lösch, 1938 geboren in Mainz, Schule, Verwaltungslehre, Verwaltungsangestellter, über Hessenkolleg zweiter Bildungsweg, Studium, Lehramt an Gymnasien; 1956 in die SPD, 1964 Gemeindevertreter in Trebur, 1970 ans Kant-Gymnasium, 1972 ehrenamtlicher Erster Beigeordneter, 1973 Ernennung zum Studienrat; 1975 hauptamtlicher Bürgermeister, 1977 bis 1981 im Kreistag; 1979 Eröffnung des neuen Rathauses, 1981 Eröffnung von Mitsubishi, 1982 Verschwisterung mit Verneuil; 1995 In den Ruhestand ausgeschieden, verstorben am 20. September 2009 in Heidelberg.

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