Vom Leben eines Kultur-Journalisten

Von Siggi Liersch.

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er viel erzählen. Und wenn es gar eine Lebensreise ist, dann ist die Ernte prall und die Körbe sind gefüllt mit Begegnungen und unterhaltsamen Anekdoten.

W. Christian Schmitt, der Mit-Herausgeber des WIR-Magazins, lässt uns an seiner kulturjournalistischen Lebensreise teilnehmen. „Willkommen in der Aula meiner Erinnerungen. 50 Jahre unterwegs als Kultur-, Literatur- und Buchmarkt-Journalist“ lautet der Titel des fast fünfhundert Seiten starken Buches, in dem er Bilanz zieht und seine Ordner für uns geöffnet hat.

Im eigentlichen Sinne des Wortes ist die Aula der Versammlungssaal in Schulen und Hochschulen. Hier kommt man zusammen und hier werden wichtige Dinge verhandelt. Und Schmitt verhandelt hier nicht mehr und nicht weniger als sein Arbeitsleben, auf höchst unterhaltsame Weise und in einem inspirierenden Plauderton, was keinesfalls despektierlich gemeint ist. Ganz im Gegenteil: Mit seiner leichten, beschwingten Art hält er den Lesenden fest und trotz des Buchumfangs immer interessiert. Über ein halbes Jahrhundert lang hat Schmitt als Kultur-, Literatur- und Buchmarkt-Journalist gewirkt. Die Liste mit seinen Tätigkeiten und Initiativen, mit seinen Dichter-Begegnungen und daraus entspringenden zahllosen Interviews und Zeitungsartikeln ist mehr als reichhaltig und für den Leser auch ein „Who’s Who“ der deutschen Literaturgeschichte.

Das Foto auf dem Cover des Buches zeigt ihn mit Günter Grass, der seine obligate Pfeife in der Rechten hält, während W. Christian Schmitt ein Buch des Nobelpreisträgers werbewirksam der Kamera zuwendet. Vom Wiedererkennen her ist dies sicherlich eines der einprägsamsten Fotos dieses an Bildern reichen Bandes. Aber Schmitt hat sich nicht nur in den höchsten Sphären der Literatur aufgehalten, er hat auch den alternativen Bereich, die Nischen und oft unausgeleuchteten Ecken deutschsprachiger Literatur ins Rampenlicht seiner Zeugenschaft gerückt. Ein Beispiel dafür ist das Ulcus Molle Info aus Bottrop, das Josef Wintjes in den Siebzigern betrieb. Er versorgte den gesamten deutschsprachigen Bereich mit Kleinstauflagen alternativer Druckerzeugnisse. Viele dieser Autoren werden in dem Kapitel „Wie man als Autor bekannt werden kann“ aufgeführt und kurz beschrieben. Und fast ebenso viele sind heute vergessen. Und hier fiel dem Autor dieser Zeilen der Kulturjournalist W. Christian Schmitt zuerst auf. Selbst als Autor für Ulcus Molle schreibend, bestellte er sich Schmitts „Klitzekleine Bertelsmänner“, einen Band, der vor etwa fünfzig Jahren im Gauke Verlag erschien und der die manifesten Unterschiede zwischen Groß- und Kleinkultur, zwischen vom Schreiben leben können und ohne Schreiben gar nicht existieren zu wollen hin und her pendelte. Dieser Spagat gehört fast schon zur Firmentradition eines Schreibenden.

Schmitt legt mit diesem Lebensbilanz-Band einen wichtigen Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte vor, denn von einem Günter Grass als Großraumdampfer auf hoher See kennt man viel Sekundärliteratur und die dementsprechenden Anmerkungen, aber wer weiß schon etwas von den Booten und Jollen, die im Brackwasser dümpeln? Schmitts Verdienst ist es, auch mal die Kleinen, die nur kurz aufleuchten, in den Blick zu bekommen und zu würdigen.

W. Christian Schmitt: „Willkommen in der Aula meiner Erinnerungen. 50 Jahre unterwegs als Kultur-, ­Literatur- und Buchmarkt-Journalist“, Autobiografie
Verlag Schmitt’s ­Redaktionsstube, ­Oktober 2021, 496 Seiten, mit mehr als 350 Fotos und ­Abbildungen,
25,– Euro; ISBN: 978-3-00-068579-8

Siggi Liersch
arbeitet als Schriftsteller, Liedermacher und Kritiker in Mörfelden-Walldorf;
siegfried.liersch@gmx.de

Herzliche Einladung zur Buchvorstellung

Wer kennt sie nicht, die Namen wie etwa Günter Grass, Herta Müller, Siegfried Unseld, Reinhard Mohn, Joachim Gauck oder Hans Küng – lauter erstrangige Vertreter des Literatur- und Kulturbetriebes des vergangenen halben Jahrhunderts. Sie sind alle versammelt in der „Aula der Erinnerungen…“, wie der Autor W. Christian Schmitt seine Autobiografie nennt, die er jetzt – fast fünfhundert Seiten stark – der Öffentlichkeit vorstellen wird. In Groß-Gerau ist Schmitt eher bekannt als Herausgeber des Wir-Magazins, mit dem er zusammen mit Michael Schleidt bis heute eine viel beachtete und gelesene regionale Plattform für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur geschaffen hat. Zuvor war er jedoch über Jahrzehnte als Journalist in der Welt der Literatur- und Kulturschaffenden unterwegs. Unzählige Begegnungen, spannend und auch anekdotisch untermalt, sind dabei entstanden – ein Vademekum des Kulturlebens im deutschsprachigen Raum. Am 14. Oktober 2021, 19 Uhr, wird es im Stadtmuseum im Rahmen eines Kulturtalks vorgestellt. Der Eintritt ist frei. Der Zugang folgt den dann gültigen Corona-Schutzregeln.

Jürgen ­Volkmann
ist Leiter des Groß-Gerauer Stadtmuseums;
juergen.volkmann@gross-gerau.de

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