Die Groß-Gerauer Madonna

Von Peter Erfurth.

Aus der Heimatzeitung von 1955: Was hat es mit dieser Muttergottes-Nachbildung auf sich, fragen manche alten und erst recht viele Neubürger, die hier heimisch zu werden sich viel Mühe geben.

Nun, sie stammt mit einiger Sicherheit aus dem zweiten Viertel des fünfzehnten Jahrhunderts und hat wohl – abgesehen von den letzten 10 Jahren, da sie aus dem Schutt und der Asche der zerstörten Kirche geborgen, notgedrungenermaßen dem Blicke der Öffentlichkeit entzogen blieb – durch Jahrhunderte hindurch an dem Orte gestanden, den ihr der Künstler, dem sie ihre Existenz verdankt, zugedacht hatte, und der ihr jetzt wieder auch recht lange erhalten bleiben wird.

Studienrat Dr. K. Diehl, ein geborener Gerauer und Verwandter des Ehrenbürgers, Wilhelm Hermann Diehl, hat sich der Mühe unterzogen, einiges über die Entstehung diese Kunstwerkes zusammenzutragen und ist dabei zu interessanten Vergleichen mit ähnlichen Mainzer Statuen gekommen.

Das Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, in dem mitunter sogar Dörfer mit bedeutenden Kunstwerken vermerkt sind, weiß von Groß-Gerau und seiner Madonna nichts. Sie ist nicht hochgotisch, sondern jünger und dem sogenannten „weichen Stil“ zuzurechnen. Gemütvoll steht die Mutter Gottes in leichter S-Kurve auf dem Säulenkapitell. Schwer drückt die breite Blätterkrone auf das versonnene Gesicht. Auch das Jesuskind scheint sich der Meditation hinzugeben und wirkt darum so unkindlich. In die sich wölbende rechte Hand ist bei seiner Wiederherstellung ein Apfel gelegt worden. Die seitlichen Glockenfalten des Obergewandes sind deutlich erkennbar. Das Untergewand staut sich an den Füßen. Sichtbar werden auch tiefe Schüsseln auf der linken Körperseite und hier wie auch am Saume des Untergewandes beginnen bereits leichte Knitterungen.

Die Entstehungszeit der Groß-Gerauer Madonna in das zweite Viertel des 15. Jahrhunderts zu verlegen, geben nicht nur die Vergleiche mit ähnlichen Mainzer Statuen Anlaß, sondern auch die geschichtlich erwiesene Tatsache, daß der untere Teil des Kirchturms schon um 1440 herum erbaut wurde, was aus vorhandenen Steinmetzzeichen übrigens auch geschlossen werden kann. Sein Portal, dessen Innenseite unverkennbare Ähnlichkeit mit der des Memorienportals im Mainzer Dom aufweist, das aus der gleichen Zeit stammt, dürfte von Anfang an diese Muttergottesstatue aufgewiesen haben, deren Alter demnach gute 500 Jahre betragen dürfte. Damit aber ist sie eines der ältesten und zugleich auch bedeutendsten Kunstdenkmäler aus der gotischen Epoche unserer engeren Heimat.

Quellen: Unterlagen aus dem Stadtmuseum Groß-Gerau
Peter Erfurth – Neues „Altes“ zum Geburtstag der GG-Gottesmutter

Peter Erfurth
ist Datenbank-Spezialist des Groß-Gerauer Stadtmuseums;
pedepe@gmx.de

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