Goethe, Grass und Gaukler-Poesie

Von W. Christian Schmitt.

In dieser Rubrik geht es um Dichter, Poeten, Lyriker, Verse-Schmiede, Wort-Produzenten etc. und um all das, was sie uns an Geschriebenem hinterlassen haben. Doch vor allem um das, was mir beim Katalogisieren meiner Lyrik-Bibliothek (neuerlich) begegnet, aufgefallen ist – und woran ich mich erinnere. Diesmal geht es um 46 Autoren (und ihre 138 Bücher) mit dem Anfangs-Buchstaben G.

Fragen Lyrik-Fans danach? Wieviele Gedichtbände sind bislang von Goethe erschienen? In wievielen Verlagen? In wievielen Versionen? Allein im deutschsprachigen Raum? Eine mögliche Antwort: In meiner Sammlung, das hat die Katalogisierung jetzt ergeben, sind es zumindest 23. Darunter natürlich der „West-östliche Divan“, den nicht nur Reclam, dtv, Goldmann und der Tempel-Verlag im Programm hatten. Überdies: Bei Langewiesche – Brandt gab es 1915 „Über allen Gipfeln. Goethes Gedichte im Rahmen seines Lebens“ und bei Walde+Graf 2017 gar „Geheime erotische Epigramme“.

Goethe (1749 – 1832) ist allerdings nur einer von 46 Autoren, die mit 138 Titeln unter dem Buchstaben G nebeneinander stehen. Stefan George (1868 – 1933) beispielsweise, der einen Kreis Gleichgesinnter um sich versammelt hatte, zu dem u.a. auch der Darmstädter Karl Wolfskehl (1869 – 1948) und Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907 – 1944) gezählt haben, war 1948 beim Verlag Helmut Küpper mit dem Titel „Das Jahr der Seele“ und fast 20 Jahre später mit dem 142 Seiten starken Band „Hymnen. Pilgerfahrten, Algabal“ im Programm. 

Interessant sicher auch, einmal zu fragen, warum Lyrik-Bände – anders als Romane – oftmals nur schlichte Titel tragen wie „Gedichte“ oder „Sämtliche Gedichte“ oder „Neue Gedichte“. Bisweilen fällt Autoren wie Lektoren aber auch anderes ein. Bei Fischer Taschenbuch z.B. wird eine Texte-Sammlung von  Albrecht Goes unter „Leicht und schwer“ angeboten, bei Kiepenheuer & Witsch werden Frank Geerks Gedichte unter „Notwehr“ feilgeboten, im Programm des Wulff-Verlags sind 1974 „Die Schelmengedichte“ von Hanns Gottschalk zu finden und beim Fischer-Taschenbuch bietet der Verlag Neues aus der Feder von Robert Gernhardt (1937 – 2006), von dem ich gleich zwölf Bände vorfinde, auf dem Cover als „Lichte Gedichte“ an. Darüber kann man schmunzeln oder auch grübeln. Doch letztlich kommt es – auch bei eher wenig aussagekräftigen Titeln – auf die Inhalte an. Lädt mich ein Gedichtband zu einer „Entdeckungsreise“ ein, lässt er mich teilhaben an Erfahrungen, erinnert er mich gar an ähnlich Erlebtes? Öffnet er Augen oder gar Herzen? Berührt er mich? Fasziniert mich, wie der Autor mit Sprache umzugehen weiß? Welche Problemlösungen er anzubieten hat? Welchen Zugang man zu Gedichten findet, hängt jeweils vom Leser ab. Auch der Bereitschaft sich auf ein Leseabenteuer einzulassen.

Welche Maßstäbe soll ich anlegen, wenn ich z.B. „Graßhoffs unverblümtes Lieder- und Lästerbuch“ (1965 bei KiWi erschienen) zur Hand nehme? Oder mich mit Büchner-Preisträger Durs Grünbein (Jg. 1962) und seiner Gedichte-Sammlung „Von der üblen Seite“ (1994 bei Suhrkamp) beschäftige? Was will mir etwa Allen Ginsberg (1926 – 1997), ein US-Dichter der Beat-Generation, mit seinem 1975 bei Hanser aufgelegtem Band „Der Untergang Amerikas“ sagen? Und was heute Amanda Gorman, das junge amerikanische Schreibtalent, mit ihrem 64 Seiten umfassenden Aufschrei „The Hill We Climb“ (2021 bei Hoffmann und Campe)?

Mit den Augen eines Dichters auf die Welt zu blicken, in der wir leben, kann informativ, spannend, unterhaltsam, wachrüttelnd und dergleichen mehr sein. In besonderem Maße auch bei der Lektüre jener Schriftsteller, die höchste Weihen erfahren haben – den Literatur-Nobelpreisträgern. Günter Grass (1927 – 2015) zählt nicht nur mit seinen Romanen, sondern auch mit seinen zahlreichen Gedichtbänden dazu, die vornehmlich bei Steidl, Luchterhand, dtv und Reclam erschienen sind. Zwei davon tragen Titel wie „Mit Sophie in die Pilze gegangen“ und „Vonne Endlichkait“.

Eine Kollegin von Grass ist die 1943 in New York City geborene Autorin Louise Glück, die 2020 in Stockholm mit dem Nobelpreis geehrt wurde. Von ihr liegen mir die Gedichtsammlungen „Wilde Iris“ und „Winterrezepte aus dem Kollektiv“ vor, mit der ganz aktuell mein Lyrik-Fundus erweitert worden ist.

Und zum Schluss noch der Hinweis auf den Gedichtband „Die Silbenuhr“ von Sigrid Grabert, der 1986 im Verlag Junge Literatur erschienen ist. Der Hinweis deshalb, weil die Autorin, so ist dem Klappentext zu entnehmen, Ende der 70er Jahre „als Gymnasiallehrerin für Französisch und Russisch“ in Groß-Gerau tätig war.

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