Hafen in der Hintergasse

Von Peter Erfurth.

Auf dem Stadtplan von 1901 ist deutlich zu sehen: Die Schützenstrasse ist eine Sackgasse und endet am Stadtgraben. 1899 eröffnet Karl Wamboldt in der Hintergasse 30, dem letzten Haus, eine Bäckerei. Er kam dann auf die Idee, den Stadtgraben mit einem Steg zu überbrücken. Aus den Unterlagen des Stadtmuseums in Groß-Gerau:

Kreisblatt vom 9. Juli 1900: In der am Freitag Abend stattgehabten Gemeinderathssitzung wurde beschlossen bezügl. der Übernahme des über den Stadtgraben führenden, Herrn Gastwirth Wamboldt gehörenden Stegs, mit dem Eigenthümer in Unterhandlung zu treten.

Kreisblatt vom 2. Mai 1929: Die Schützenstraße als neue Verkehrsader. Die zur Schützenstraße avansierte ehemalige Hintergasse, die im Volksmund als der „Hafen“ bezeichnet wurde, hat dieser Tage eine Verbesserung dadurch erfahren, daß sie aufgehört hat, eine Sackgasse zu sein. Dort, wo einst die Welt gerade nicht mit Brettern aber doch mit einer Mauer abgeschnitten schien, wo schon oft in der Nacht Möbelwagen und schwere Lastautos sich verirrten und unter schwierigsten Umständen kehrt machen mußten, ist ein Durchbruch sozusagen über Nacht gemacht worden. Die Schützenstraße ist jetzt frei, wenn‘s auch vorderhand ohne einen Bogen nicht abging, aber sie ist nun wenigstens frei nach Mainz.

Darmstädter Echo vom 21. Dezember 1953: (gekürzt) Durch fahnengeschmückte Straßen und spalierbildende Jugend begab sich am Sonntagnachmittag Kreisstadt-Bürgermeister Dr. Bernhard Lüdecke mit Mitgliedern des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung hinaus zur Schützenstraße, um die feierliche Weihe der Brücke über den Mühlbach vorzunehmen. Besonders das „Mühlbach-Viertel“ war auf den Beinen, als an diesem Sonntag der von einem schmucken Reitertrupp und der Feuerwehrkapelle angeführte Zug auf dem Festplatz eintraf. Die Errichtung der neuen Brücke ist vor allem für die Groß-Gerauer Landwirte von Bedeutung, die seither den kleinen Mühlgraben nicht passieren und nur unter Schwierigkeiten zu ihren Feldern gelangen konnten.

Kreisblatt vom 25. August 1900: Bezüglich des Wambold‘schen Steges wurde der Beschluß gefaßt von dem Eigenthümer den Steg nebst Passage zu erwerben und die Ankaufskommission ermächtigt, die erforderlichen Schritte einzuleiten.
Dies unterstrich Bürgermeister Dr. Bernhard Lüdecke in seiner Ansprache, wobei er den Baufirmen dankte. Ein alter Wunsch der Groß-Gerauer sei nun in Erfüllung gegangen. Die neue Brücke werde den Namen „Hafenbrücke“ tragen. Eine Bezeichnung, die schon Jahrhunderte im Mühlgrabenviertel geläufig sei.
Der große Augenblick war gekommen, als der Bürgermeister das Brückenband durchschnitt und der 10.000. Bürger der Kreisstadt als erster den neun Meter langen Übergang passierte. Der erst vor wenigen Monaten geborene Erdenbürger lag in einem Kinderwagen, den das Stadtoberhaupt über die Brücke schob.

Peter Erfurth
ist Datenbank-Spezialist des Groß-Gerauer Stadtmuseums;
pedepe@gmx.de

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