Vom Verlust

Von Edelgard Rietz.

Mir gegenüber im Nachbarhaus wachsen drei Kinder auf. Der Kleinste ist gerade mal anderthalb Jahre alt. Elias möchte von der Terrasse die Treppe runter in den Garten.

Er hält sich am Geländer fest und versucht die erste Stufe. Klappt, er kann sich festhalten. Stufe Nr. 2 geht nicht mehr, und das weiß er. Er probiert alle möglichen Drehungen und Wendungen aus. Ich bin völlig fasziniert. Dieser kleine Mann weiß, dass er ohne Halt fällt, er kann seine Möglichkeiten gut einschätzen. Mit unendlicher Geduld probiert er alles aus. Es wird nicht lange dauern, da rutscht er Stufe für Stufe auf dem Po herunter, oder er schafft es rückwärts im Käfergang. Wieviel Potential, wieviel Wissen um die eigenen Stärken und auch Schwächen. Wann geht das bei viel zu vielen Kindern verloren – mit einer Fortsetzung im Jugend- und Erwachsenenalter? 

Es gibt unzählige Beispiele für Selbstüberschätzung und Unehrlichkeit. Wir können jeden Tag davon in der Zeitung lesen. Da gibt es zwei Lehrerinnen in Rüsselsheim, die von ihren Schwierigkeiten in der Schule erzählen, und sie müssen anonym bleiben aus Angst vor Racheakten. Das kann nicht sein, das ist doch völlig verrückt. Hinter guten Noten stehen doch Anstrengung und Leistung. Der Stolz darauf wird den Kindern genommen, und die haben ein feines Gefühl für Ehrlichkeit, egal aus welcher Kultur sie kommen. 

Ein Beispiel, das für viele steht: Mir begegnet auf freiem Feld ein junger Mann auf dem Rad. Hinten auf dem Gepäckträger hat er einen großen Müllsack, so einen handelsüblichen. Was hat er vor? Wäre ich mit dem Rad unterwegs gewesen, wäre ich ihm hinterhergefahren. Es gibt ein Einwohnermeldeamt, und es gibt die Müllgebühren, und wenn das nicht zusammenpasst, müsste man doch alle Übeltäter orten können. Es sei denn, er ist gar nicht gemeldet. Dieser junge Mann hat offensichtlich vor, den Müll irgendwo zu entsorgen. Das ist Verlust von Moral, Anstand und werweisswasnochalles. 

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Haben wir den Anfang des Dilemmas übersehen. Weggucken war gestern, Gleichgültigkeit sowieso. Meckern und selber nichts tun ist auch so ein Übel. Ich kann mich über nichts beschweren, wenn ich aus Angst vor Schwierigkeiten einfach nicht mehr hinsehe. Es wird dadurch ja nicht besser. Ganz schlimm sind die Besserwisser, die Zeit genug hatten, es besser zu machen. Unter Politikern ist diese Krankheit stark verbreitet. Auch so ein Verlust an Selbsterkenntnis. Irgendwie macht sich bei allen Müdigkeit breit.

Ich trödle vor mich hin. Ich will manches und denke: morgen ist auch noch ein Tag. Liegt es an der Pandemie oder am Alter, oder ist es eine Kombination von beidem? Ich habe mir ein Buch gekauft von einem ganz berühmten Gedächtnistrainer. Dr. Karsten beschreibt alles wunderbar und bietet Übungen an. Angefangen habe ich schon, aber nun liegt das Buch auf meinem Nachtschrank ganz dicht an meinem Kopf, und ich hege die Hoffnung, dass sich der Buchinhalt irgendwie durch telepathischen Transfer in meinem Kopf verankert. Dr. Karsten empfiehlt auch das Jonglieren, um beide Hirnhälften zu trainieren. Ich hab mir die Bälle besorgt, und nun ärgere ich mich, dass es nicht klappt. Als Kind konnte ich es mit drei Bällen.

Verluste tun oft weh, und alle lassen sich nicht ersetzen. Aber einige schon. Eins muss uns klar sein, die fetten Jahre sind vorbei, und ohne Anstrengung wird es nicht gehen. Es muss zu schaffen sein, und dann stehen in der Zeitung von vorne bis ganz hinten durchgängig nur Nachrichten mit positivem Inhalt. Ach, wäre das schön.

Edelgard Rietz
ist Malerin mit Wohnsitz in Groß-Gerau;
edelgard.rietz@gmx.de

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