Das Salz in der Literatursuppe

Von Siggi Liersch.

Hand aufs Herz: Lesen Sie Gedichte? Oder sind Sie in der Schule abgeschreckt worden? Bis zu den Balladen in der siebten und achten Klasse bekam man sie wenigstens noch gereimt vorgesetzt, später dann die Lyrik in freien Versen, ungereimt und häufig geheimnisumwoben und bis zu einem gewissen Grad auch unverständlich, zumindest wenn man keine Vorkenntnisse hatte und die Verse einzuordnen vermochte.

Und dann die unsäglichen Interpretationen! Was will uns der Dichter damit sagen? Und wenn man dann mal ein paar Formulierungen gefunden hatte, bewies der sich überlegen gebende Lehrer, dass man damit doch völlig auf dem Holzweg sei. Wahrhaftig eine harte Schule, diese Arbeit mit Gedichten, und für viele ist deshalb die kürzeste und doch offenste Form literarischer Ausdrucksfähigkeit ein Gräuel geworden, mit dem man sich am besten überhaupt nicht abgibt!

Natürlich möchte ich mit diesen Zeilen den landläufigen Vorurteilen entgegenwirken, zeitgemäße Lyrik wäre unverständlich. Und dafür bieten sich die gesammelten Gedichte von Ror Wolf hervorragend an. Ror Wolf hat ein langes Dichterleben hinter sich gebracht, ist über dreißigmal umgezogen und hat so auch äußerlich die unterschiedlichsten Sichtweisen kennengelernt. Dabei hat er sich nie dem gerade vorherrschenden Lyrik-Ton angepasst. Er blieb durch die Jahrzehnte hindurch bei seinen kunstvoll gereimten Gedichten, die aber trotz ihrer Form nie antiquiert wirken. Unaufgeregt im Ton berichten sie von seltsamen Begebenheiten, oft sind es Unglücksfälle oder erotische Verwirrungen. Es sind Gedichte, die man sich auch als skurrile Bilder vorstellen kann, wenn Arme oder Beine unversehens in Räume hineinragen oder plötzlich mit Pistolen herumgefuchtelt wird, und dann ist der Täter, der wie ein artistischer Darsteller seiner Handlungen wirkt, mindestens genauso überrascht wie das Opfer. Wolf verfügt über den skeptischen Blick eines Melancholikers, und in der eleganten unaufgeregten Leichtigkeit seiner Formulierungen wirken diese in einem unterhaltenden Sinne komisch. Die Begebenheiten irritieren, weil sie unvorhersehbar sind, ihre Akteure verfügen über eine gehörige Portion an schwarzem Humor, der im Wesen des menschlichen Daseins verwurzelt ist. Wenn man Gedichte von Ror Wolf liest, begibt man sich auf eine literarische Achterbahnfahrt ohne Netz und doppelten Boden. Man schlingert in dieser grotesken strengen Reimform zwischen sanftem Erschrecken, distanzierter Skurrilität und tödlichem Ernst und hat das Gefühl, mit Wolfs höchst kunstvoll gebauten Versen der Realität, die doch noch viel furchtbarer sein kann, zumindest auf der Spur zu sein.

Neugierig geworden? Dann setze ich einen Wolfschen Vierzeiler her, also ein komplettes Gedicht, das aus dem Jahr 1956 stammt, und mit „Das Wetter hauptsächlich“ betitelt ist: „die sonne strahlt die kälte klirrt/ die wolke schwebt die fliege schwirrt/ die winde wehn die sonne sticht/ der regen fällt der mond fällt nicht“. Dieses kurze Gedicht hätte Ror Wolf genauso gut fünfzig Jahre später schreiben können, es wäre wohl in exakt dieser Form dem geneigten Publikum vor die Augen gesetzt worden. Oder mit anderen Worten: Wenn Sie anspruchsvoll und doch verständlich unterhalten werden wollen, dann lesen Sie Gedichte von Ror Wolf!

Siggi Liersch
arbeitet als Schriftsteller, Liedermacher und Kritiker in Mörfelden-Walldorf;
siegfried.liersch@gmx.de

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