Der Drang zur Zusammenarbeit


Von Ulf Krone.

Wie unsere Verwandten, die Affen, sind auch wir Menschen soziale Wesen. Nur gemeinsam konnten wir den gesamten Planeten erobern, allein wären wir verloren. Der Drang zur Zusammenarbeit, zu sozialer Interaktion liegt in unserer Natur, es ist ein Überlebens-Instinkt.

Deshalb sind Seuchen, deshalb ist das Corona-Virus (COVID-19) für uns derart bedrohlich, ja erschreckend. Denn es verwandelt unsere größte Stärke, die Masse sowie die Kooperation untereinander, in unsere größte Schwäche. Und das an einem Punkt unserer Geschichte, an dem es in unserem Land kaum noch Menschen gibt, die wahrhaftige Ausnahmesituationen wie Hungersnöte oder Krieg noch selbst erlebt haben. Zu einer Zeit, in der uns eine Konsum-bestimmte Bequemlichkeit zur Selbstverständlichkeit geworden zu sein scheint, in der das soziale Miteinander zumeist institutionell geregelt wird und Empathie vielfach durch gieriges Haben-wollen und egoistisches Anspruchsdenken ersetzt wurde. Während die Aufrechten in den Ehrenämtern, in den unverschämt schlecht bezahlten Pflegeberufen, in der Kommunalpolitik und an vielen anderen Stellen sich dem jede Solidarität verschlingenden Kapitalismus unserer Zeit entgegenstemmen und für eine sichere, offene und lebenswerte Gesellschaft kämpfen.

Es heißt, in Krisensituationen zeige sich das wahre Gesicht eines jeden Menschen, sein wahrer Charakter, seine moralische Stärke. Wenn dem so ist, gibt es sowohl Anlass zur Freude als auch zur Fassungslosigkeit. Während die sonst um Macht und Pfründe streitende Politik in der Krise zusammenfindet und mit einigermaßen raschem Handeln und zuvor nie gesehener Einigkeit überrascht, während Ärzte, Pflegekräfte, Apotheker, die Mitarbeiter der staatlichen Institutionen, Wissenschaftler, Ehrenamtliche und alle Menschen, die an der Versorgung der Bevölkerung arbeiten, an ihre Belastungsgrenze gehen und ihre eigene Gesundheit riskieren, um die bestmögliche Behandlung der Betroffenen sowie ein Funktionieren der Gesellschaft weiterhin zu gewährleisten, während all dieser Anstrengungen gibt es auch eine nicht geringe Zahl an Menschen, die jede Vernunft über Bord werfen und unnötige Hamsterkäufe tätigen, die sich zu so genannten „Corona-Partys“ treffen, die mit vermeintlichen Wundermitteln die Angst ihrer Mitmenschen finanziell ausnutzen oder mit ihr in irgendeiner Form Quote machen.

Darüber hinaus scheint es zahlreiche Menschen zu geben, die sich die derzeitigen Beschränkungen vor allem der Bewegungsfreiheit nicht bieten lassen wollen. Es sind jene, denen die Freiheiten einer offenen demokratischen Gesellschaft zu einer vermeintlich naturgegebenen Selbstverständlichkeit geworden sind, auf die sie einen unwiderlegbaren Anspruch haben. Man geht raus, das Wetter ist schön, man trifft sich im Privaten in einem Park oder an einem Fluss, und immer hat man eine passende Begründung dafür, warum für einen selbst die allgemeinen Regeln gerade nicht gelten. Wie die Eltern, die jeden Morgen die Halteverbote vor den Schulen des Landes zuparken, um ihre Kinder abzusetzen, obwohl diese auch ganz leicht zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln zum Unterricht kämen. Die Regeln gelten stets für die anderen, denn das sind die „Unzuverlässigen“.

Ausnahmen können wir uns allerdings aktuell nicht leisten. Denn einen Krieg kann man auch gewinnen, wenn Teile der Bevölkerung nicht kämpfen. Eine Volkswirtschaft funktioniert auch, wenn es Menschen gibt, die nicht arbeiten. Aber eine Pandemie, in der es bislang weder eine Behandlung noch einen Impfstoff gibt, besiegt man nur gemeinsam. Und das meint alle, jeden einzelnen von uns. Das ist keine Verschwörung, das ist die Pest des 21. Jahrhunderts! Und wir haben noch Glück, dass es sich um ein für die meisten Menschen relativ harmloses Virus handelt. Es könnte auch Ebola sein.

Seien wir vernünftig! Jetzt können wir zeigen, ob das, was wir stets behaupten, auch der Wahrheit entspricht. Ob wir tatsächlich dem Tier überlegen sind, ob wir Kultur haben, oder ob wir bloß unseren animalischen Instinkten, dem bedingungs- und in seiner menschlichen Ausprägung rücksichtslosen Überlebensdrang folgen. Kultur bedeutet nämlich, uns von den uns eingeschriebenen instinktiven Zwängen freizumachen. In der aktuellen Situation meint dies, Vernunft walten zu lassen und die eigenen Ansprüche herunterzuschrauben. Vermeiden Sie soziale Kontakte! Bleiben Sie zu Hause! Das Leben, mit dem Sie spielen, ist Ihr eigenes. Sie werden es vielleicht nicht verlieren, aber wenn das Gesundheitssystem und die Wirtschaft zusammenbrechen, wird es sich fast so anfühlen.

Ulf Krone
ist Redakteur beim WIR-Magazin und studierter Philosoph;
ulf.krone@wir-in-gg.de

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