Radentscheid in Groß-Gerau

Von Ulf Krone.

Seit Jahren wird über die Verkehrswende als notwendiges Mittel der ­Senkung des CO2-Ausstoßes diskutiert. Das Radfahren soll dabei eine maßgebliche Rolle spielen, doch konzentrieren sich die Maßnahmen bis jetzt zumeist auf die großen Städte. Auch in der Kreisstadt wird nach Meinung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Groß-Gerau zu wenig für den Ausbau der entsprechenden Infrastruktur getan. Dies soll nun ein Bürgerbegehren ändern. Was es damit auf sich hat, hat Norbert Sanden vom ADFC WIR-Redakteur Ulf Krone im Interview verraten.

Herr Sanden, worum geht es beim aktuellen Bürgerbegehren?

Norbert Sanden: Mit dem „Radentscheid Groß-Gerau“ möchten wir die notwendige Verkehrswende hier in Groß-Gerau starten. Es geht uns darum, unsere Stadt aktiv umzugestalten und zukunftsfähig zu machen. Der Radverkehr ist hierbei ein wichtiges Element, aber nicht das einzige. Der Öffentliche Verkehr, Car-Sharing-Angebote und genügend Raum für Fußgänger/innen gehören ebenso dazu.
Der Radverkehr sollte künftig einen Anteil von 30 Prozent an allen zurückgelegten Wegen haben. Für uns ist dies aber kein Selbstzweck, sondern ein Beitrag für eine hohe Lebensqualität, für Klimaschutz und ein gutes Leben für alle Mitbürger/innen. Die Stadt sollte endlich geeignete Maßnahmen ergreifen, um dieses Ziel zu erreichen, denn was bisher getan wurde, reicht nicht aus. Für 2021 sind im Haushalt für den Verkehr zwar insgesamt 1,3 Millionen Euro eingeplant. Davon sind jedoch nur 60.000 Euro explizit für den Radverkehr vorgesehen.

Die Ausgaben für den Radverkehr betragen lediglich 2,40 Euro je Einwohner und Jahr. Das Bundesverkehrsministerium empfahl jedoch schon vor zehn Jahren 15 Euro, was für Groß-Gerau rund 400.000 Euro bedeutet. Wir denken, dass die Finanzierung durch eine Umschichtung im Haushalt innerhalb des Be-reiches „Gemeindestraßen und sonstige Verkehrsflächen“ sowie durch die Inanspruchnahme der derzeit finanziell so gut wie niemals zuvor ausgestatten Förderprogramme des Landes und des Bundes erfolgen kann.

Was sind die Ziele des angestrebten Bürgerentscheids?

Norbert Sanden: Mit dem Radentscheid möchten wir vier konkrete Ziele erreichen, nämlich 1. ein durchgängiges Fuß- und Radwegenetz, 2. größere Sicherheit für Fußgänger/innen und Radfahrer/innen, 3. mehr Fahrradparkplätze sowie 4. eine stärkere Bürger/innenbeteiligung bei Mobilitätsthemen. Eine ausführliche Darstellung ist in unserem Flyer sowie auf unserer Homepage zu finden: www.radentscheid-gg.de

Was muss Ihrer Meinung nach konkret passieren, um die Situation für Fahrradfahrer in der Kreisstadt nachhaltig zu verbessern?

Norbert Sanden: Eine ganze Menge! Ich möchte hier nur ein paar Punkte nennen: Wir brauchen sicherere Radwege mit einer guten Oberflächenbeschaffenheit. Diese Wege müssen so angelegt werden, dass sie Konflikte mit Fußgänger/innen vermeiden. Radwege dürfen nicht im Nichts enden, sondern müssen bis in die Innenstadt führen. Selbstverständlich müssen auch die Schulen und Kitas in das Rad-Netz eingebunden werden. Ampelschaltungen müssen auch nach den Bedürfnissen des Fuß- und Radverkehrs abgestimmt werden, denn die Flüssigkeit des Autoverkehrs darf nicht mehr auf Kosten aller anderen Bedürfnisse durchgesetzt werden.

Wie kam es eigentlich zu dieser Initiative?

Norbert Sanden: Der Klimawandel und das wachsende Bewusstsein für die Belastungen, die der Verkehr mit sich bringt, führen immer mehr Menschen zu Überlegungen, wie Mobilität den Menschen und der Umwelt besser gerecht werden kann. Das Fahrrad ist ein kostengünstiges und sehr umweltverträgliches Verkehrsmittel, das immer mehr Menschen im Alltag und in der Freizeit nutzen oder neu für sich entdecken. Corona hat diesen Trend weiter beschleunigt. Die Hoffnung allerdings, dass auch die Lokalpolitik dies bemerkt und deshalb infrastrukturelle und andere Verbesserungen für Radfahrende schneller und in einem größeren Umfang als in der Vergangenheit umsetzt, erwies sich als unrealistisch. Zu vieles geht hier im alten Trott weiter, wir möchten aber mehr Offenheit, Innovation und Dynamik. Deshalb haben Menschen aus dem Forum Verkehrswende und dem Klimagerechtigkeitsbündnis die Initiative für den Radentscheid ergriffen.

Zu guter Letzt: Wie können die Menschen an dem Bürgerbegehren teilnehmen, wie funktioniert das?

Norbert Sanden: Wir sind jetzt in der Phase, über 1.850 Unterschriften von wahlberechtigten Groß-Gerauer Bürger/innen zu sammeln. Mit diesen Unterschriften werden wir bei der Stadt die Durchführung eines Bürgerentscheides beantragen. Die Flyer mit den Unterschriftenlisten haben wir in verschiedenen Läden ausgelegt. Im Stadtgebiet stehen vier Fahrräder mit einem Fach mit Flyern und einem Briefkasten zur Abgabe der Untertschriftenlisten. Auf unserer Homepage sind die Unterschriftenlisten ebenfalls verfügbar. Nach dem Unterschreiben muss unbedingt der ganze Flyer abgeben werden, nicht nur der Teil mit den Unterschriften. Ein unvollständiger Flyer macht die Unterschriften ungültig!

Natürlich freuen wir uns sehr über Menschen, die uns praktisch unterstützen wollen, zum Beispiel, indem sie selbst Unterschriften sammeln oder eine Spende überweisen (ADFC Hessen, IBAN: DE50430609676029898800, Verwendungszweck: Radentscheid Gross-Gerau). Wir zählen darauf, dass viele Bürger/innen mit den Zielen des Radentscheids einverstanden sind und dass die Stadtpolitik diese Ziele für mehr Lebensqualität in Groß-Gerau aufgreifen wird.

Zur Person: Norbert Sanden ist Mitglied des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) und Sprecher der Initiative Radentscheid.

www.radentscheid-gg.de
www.adfc-kreis-gg.de

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