Die Welt retten, Schritt für Schritt

Von Rainer Beutel.

Dr. Susanne Rapp aus Königstädten hat eine wunderbare Chance. Im Denken selbst jung und agil geblieben, unterrichtet sie Studenten an der Hochschule RheinMain. Sie lehrt nicht nur, sie erfährt auch, wie angehende Ingenieure über das Zusammenspiel von Technik und Ethik denken. Das erlaubt es der 59 Jahre alten Freien Journalistin und Autorin, die heutige Generation mit ihrer eigenen zu vergleichen – und relativ zuversichtlich nach vorne zu schauen. Im Interview mit WIR-Redakteur Rainer Beutel schildert sie ihre Einblicke.

Frau Rapp, Sie sind Journalistin, Autorin und seit einiger Zeit Dozentin an der Rüsselsheimer Hochschule RheinMain. Sind da nicht ausschließlich angehende Techniker und Ingenieure tätig? Oder anders gefragt: Was lehren Sie an der Hochschule eigentlich? Vermutlich nicht, wie ein Zeitungsartikel oder ein Roman geschrieben wird.

Susanne Rapp: Die Hochschule RheinMain in Rüsselsheim bildet angehende Ingenieurinnen und Ingenieure aus. (Anm. d. Red.: Im Folgenden wird nur die männliche Form verwendet.) In meinen Seminaren kombiniere ich die Themen Ethik und Technik miteinander. Ethische Grundlagen bilden in allen Bereichen des Lebens eine Basis, die immer mehr an Bedeutung zunimmt. Gerade bei angehenden Ingenieuren ist es wichtig, sie neben dem technischen Knowhow auch für einen Blick auf die Auswirkungen ihrer späteren Tätigkeit zu sensibilisieren. Dass es nur einen Planeten gibt und dass ein „weiter wie bisher“ und ein „höher, schneller, weiter“ nicht realisierbar ist, wissen die Studenten. In meinen Seminaren zeigen dies die Diskussionen. Die Generation, die heute heranwächst, hat sehr gut verstanden, welche Verantwortung sie in Händen hält.

Interessant. Ist das also ein Grund, warum das Thema Ethik im Bereich der Ingenieurwissenschaften generell an Bedeutung gewinnt?

Susanne Rapp: Themen rund um den Klimawandel, um nur ein Beispiel zu nennen, sind derzeit ständig in den Medien zu finden. „Technikfolgenabschätzung“ lautet das Stichwort. Denn es sind die Entwicklungen und Entscheidungen der heranwachsenden Ingenieure, die dazu beitragen können, die Welt ein wenig besser zu machen. Ich stelle meinen Zuhörern gern am Anfang eine kniffelige Frage: „Angenommen, ihr Vorgesetzter beauftragt Sie mit der Konstruktion und dem Bau einer Maschine. Sie können das. Sie werden damit richtig viel Geld verdienen. Das eigene Häuschen ist gesichert. Ihre Karriere ebenfalls. Man wird auf Sie aufmerksam. Folgeaufträge werden kommen. Doch diese Maschine vernichtet Tausende von Arbeitsplätzen. Menschen stehen auf der Straße, haben kein Auskommen mehr. Ganze Familien leiden unter der prekären Situation. Und Sie sind schuld. Wie entscheiden Sie sich?“ Die Frage wäre leicht zu beantworten: „Wenn ich es nicht tue, dann macht es ein anderer.“ Es geht also nicht darum, eine Frage wie diese zu beantworten. Es geht darum, sie zu stellen und über die Konsequenzen des Handelns als Ingenieur nachzudenken. Und die Antworten, die ich in den Seminaren zu hören bekomme, geben mir Hoffnung.

Die Stadt Rüsselsheim spürt diese Entwicklung unmittelbar an der schwindenden Bedeutung des Opel-Werkes, sowohl was Arbeitsplätze angeht als auch im weltweit agierenden Stellantis-Konzern mit 13 Automarken – Opel ist eine Marke von sehr vielen geworden. Welche Konsequenzen haben solche Entwicklungen für junge Menschen, die den Ingenieurberuf anstreben, gerade im Hinblick auf Themen wie Mobilität, künstliche Intelligenz und Wachstum?

Susanne Rapp: Die Autoindustrie wird in den kommenden Jahren ebenso wie viele andere Sparten starken Veränderungen ausgesetzt sein. Mobilität ist ein weitreichender Begriff. Da geht es nicht nur darum, womit ein Autotank gefüllt wird. Auch Themen wie Carsharing, der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel oder auch die Mikromobilität in Großstädten gehören zu dem, was Mobilität in der Zukunft ausmachen kann. Neu- und Umdenken ist notwendig und vor allem auch das entsprechende Handeln. Und da ist der Ingenieurberuf ganz besonders gefragt. Ob sich die E-Mobilität durchsetzen wird, oder ob es um Wege geht, die effiziente Speicherung erneuerbarer Energien voranzubringen, um nur einige Beispiele zu nennen. Hierzu werden Ingenieure gebraucht.

Sie laden junge Studenten ein, neu und anders zu denken und erwähnen in diesem Zusammenhang „Fridays for Future“. Wie kann die Generation von morgen die Welt retten?

Susanne Rapp: Um die Welt zu retten, braucht es leider sehr viel mehr als das Bewusstsein, dass es so nicht weitergehen kann. Altruismus scheint derzeit nicht besonders beliebt zu sein. Selbst die besten Ideen und Entwicklungen scheitern an Egoismus und Gier. Wenn die Generation von morgen auf einem lebenswürdigen Planeten existieren will, der auch für die Folgegenerationen attraktiv ist, muss hier und jetzt mehr passieren. Greifen wir also nicht zu hoch und sprechen davon, die Welt zu retten. Aber vielleicht können wir sie ein wenig besser machen. Schritt für Schritt.

Als Sie Anfang der 1980-er Jahre Ihr Abitur absolvierten, war alles anders. Beschreiben Sie doch mal den ethischen Wandel in den Auffassungen, Einsichten und Erkenntnissen von jungen Menschen, die gerade mit dem Studium begonnen haben.

Susanne Rapp: Erst kürzlich fragte ich im Seminar, ob jemand wisse, was ein Opel-Manta sei. In meiner Jugend ein Kult-Objekt. Und um das Klischee noch zu vervollständigen: Die Fahrer hießen meist Manni, waren ein wenig unterbelichtet und hatten einen Fuchsschwanz an der Autoantenne. Dass dieses Auto noch immer jede Menge Fans hat, erfuhr ich von einem Studenten, der mir erzählte, es gebe demnächst einen Manta mit E-Motor. Was den ethischen Wandel anbetrifft: Nehmen sie alles, was damals ein Thema war und entsorgen Sie es. Auffassungen, Einsichten oder Erkenntnisse heutiger junger Menschen, zumindest von denen, die ich im Seminar kennen lernen darf, sind völlig anders. Aber ich wage zu behaupten, sie sind zeitgemäß und besser. Viele sind Vegetarier und können dies genau begründen. Sie verhindern Plastik wo es geht, kaufen lieber bei lokalen Anbietern, statt im Internet zu bestellen, bevorzugen Glasbehälter statt Plastik für ihre Getränke und finden es völlig in Ordnung, als Vater die Kinderzeit zu übernehmen, während die Mutter berufstätig ist. All dies sind Themen, über die ich mir mit Anfang 20 keine Gedanken gemacht habe. Ich denke aber, so wird es jeder Generation gehen. Es ist immer genau die Zeit in der wir leben, die uns prägt. Zu Zeiten meiner Großeltern war Plastik kein Thema, weil es das noch nicht gab, für unsere Generation war es kein Thema, weil es noch nicht die Meere verseucht hat. Heute ist es ein Thema, denn künftige Generationen müssen den Mist, den wir angerichtet haben, nun ausbaden.

Sie haben sich in einem Online-Seminar auch mit dem Thema Corona befasst und gefragt, ob die Pandemie eher „Fluch oder Chance“ sei. Wie denken junge Menschen darüber?

Susanne Rapp: Da fällt mir nur ein Begriff ein. Sie denken vernünftig. Da ich derzeit meinen Unterricht online anbieten muss, ist es recht schwierig, sich einen Eindruck von den Emotionen der Studenten zu machen. Doch habe ich festgestellt, dass viel Redebedarf vorhanden ist. Fluch oder Chance habe ich als Untertitel gewählt, um zu provozieren und so eine Diskussion anzuregen, was recht schwierig ist, wenn man sein Gegenüber weder sieht, noch hört. Von einem Fluch würde ich sprechen, wenn eine Studentin mir erzählt, sie studiere jetzt seit zwei Semestern an der Hochschule und war in dieser Zeit nur ein einziges Mal auf dem Campus. Ihr ganzes bisheriges Studium läuft am Computer ab. Eine Chance bietet die Pandemie, weil sie in vielen Bereichen des Lebens dazu zwingt, umzudenken. Ich hätte mir vor zwei Jahren nicht vorstellen können, in einem virtuellen Raum zu unterrichten. Ehrlich gesagt, Spaß macht es nicht besonders. Aber es funktioniert. Nicht zuletzt, weil ich meinen eigenen Schweinehund überwunden habe.

Vor der Bundestagswahl im September dreht sich viel um das Thema Klimawandel. Welche Erfahrungen haben Sie in den Diskussionen mit ihren Studenten gemacht? Wie beurteilen junge Menschen den Status Quo und was erwarten diese für die Zukunft?

Susanne Rapp: Sie wissen Bescheid. Wahrscheinlich besser als die meisten Leute meiner Generation. Das gibt mir Hoffnung und Vertrauen für die Zukunft.

Zur Person: Dr. Susanne Rapp, promovierte Kulturanthropologin, arbeitet seit 20 Jahren als Freie Journalistin, hat im Jahr 2016 den Roman „Irish Rover“ veröffentlicht und ist seit 2019 Dozentin an der Hochschule RheinMain. susrapp@gmx.de

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