Eine Japanerin in GG

Von Ulf Krone.

Vom Land der aufgehenden Sonne ins Gerauer Land: Ein Schüleraustausch kann eine großartige Erfahrung sein. Man taucht ein in eine fremde Kultur und lernt diese in einer Gastfamilie sowie der Schule unmittelbar kennen. Darüber hinaus fördert die Situation fern der Heimat die Eigenständigkeit und eröffnet neue Perspektiven auf das eigene Leben. Das erlebt zurzeit auch die 17-jährige Shizen aus Gifu in Japan, die seit Oktober vergangenen Jahres bei ihrer Gastfamilie in der Kreisstadt weilt und die Luise-Büchner-Schule besucht.

Den Wunsch, einmal ein Jahr im Ausland zu verbringen und dort zur Schule zu gehen, hegt sie bereits seit mehreren Jahren, wie sie im Gespräch bei ihrer Gastfamilie im Herzen Groß-Geraus verrät. Doch sie wollte nicht in die USA, nach Großbritannien oder Australien, wie die meisten ihrer Mitschüler – und vermutlich auch die meisten Schüler hierzulande. Shizen schwankte zwischen Spanien und Deutschland, denn sie plante, während des Austauschs gleich noch eine neue Sprache zu lernen. Auch in Japan weiß man um die Schönheit Spaniens, und Spanisch spricht die halbe Welt, aber Deutschland ist trotz aller Baustellen im Bildungssektor noch immer bekannt für seine guten Schulen. Darüber hinaus wird Deutschland im Ausland dafür gerühmt, dass jeder in der Schule Englisch und zumeist noch eine weitere Fremdsprache lernt, was für Shizen schließlich den Ausschlag gegeben hatte.

Da ihr Sohn Paul gerade auf Schüleraustausch in den USA war, entschieden sich Sabine und Jens Dille in der Kreisstadt, ein Gastkind aufzunehmen und auf diese Weise das System des Schüleraustauschs zu unterstützen. So landete Shizen, organisiert durch die deutsche Länderorganisation AFS Interkulturelle Begegnungen, einem gemeinnützigen Verein und Träger der freien Jugendhilfe, am 7. Oktober vergangenen Jahres in Frankfurt – leider einen Monat später als geplant aufgrund von Visa-Schwierigkeiten.

Dafür wurde sie sofort herzlich in der Familie aufgenommen, wenngleich sie anfangs noch kein Wort Deutsch sprach, wie Sabine Dille erzählt. Nach nur sieben Monaten hat sich das dramatisch geändert. Zwar führen wir unser Gespräch der Einfachheit halber auf Englisch, doch auch eine Unterhaltung auf Deutsch wäre möglich gewesen. Aber am Anfang war Englisch die einzige Sprache, um sich verständigen zu können, und Shizen damit auf die Mithilfe ihrer deutschen Gastgeber angewiesen. Glücklicherweise hatte sich jedoch ihr Bild Deutschlands bewahrheitet: Es stellte sich als völlig unproblematisch heraus, sich auf die Englischkenntnisse ihrer Gastgeber zu verlassen. Dagegen wurde das Klischee vom kühlen und vielleicht etwas schroffen Deutschen nicht bestätigt, im Gegenteil. „Ich war sehr unsicher, wie ich aufgenommen werde, aber alle waren so freundlich, und ich habe die besten Gasteltern der Welt“, schwärmt Shizen heute.

Das setzte sich auch in der Schule fort, wo sie rasch Anschluss und neue Freunde fand, die ihr in der ersten Zeit mit Rat und Tat zur Seite standen. „Die Lehrer und meine Mitschüler waren unglaublich nett und haben immer Zeit für mich gehabt. Ich habe viel Hilfe bekommen, und es wurde auf mich eingegangen.“ Dazu gehörte unter anderem, dass ihr anfangs zum besseren Verständnis noch Vieles ins Englische übersetzt wurde, aber ebenso, sie mit dem deutschen Schulsystem vertraut zu machen. Denn das unterscheidet sich wesentlich von dem an ihrer Heimatschule, wo nicht einzelne Fächer, sondern quasi ganze Fachkomplexe wie Naturwissenschaft oder Sozialwissenschaft mithilfe vom hierzulande mittlerweile abgeschafften Frontalunterricht gelehrt werden. Etwa 40 Schüler folgen dabei dem Vortrag des Lehrers und müssen nach dem Unterricht noch die Schule putzen, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass Shizen geradezu begeistert ist von den kleineren Klassenstärken und den Unterrichtsdiskussionen zwischen Lehrern und Schülern in Deutschland, was darauf abzielt, den Lernenden eigenständiges Denken beizubringen, statt auf die reine Wissensvermittlung durch Auswendiglernen zu setzen. Wie sehr in Japan auf Disziplin und eine engmaschige Kontrolle der Schüler geachtet wird, zeigt darüber hinaus der Umstand, dass alle drei Monate ein Report der Schule zu den Leistungen Shizens nach Fernost geschickt wird.

Obwohl Shizens Heimatstadt Gifu auf der japanischen Hauptinsel Honshu eine Großstadt mit gut 400.000 Einwohnern ist, fühlt sie sich in Groß-Gerau pudelwohl. „Groß-Gerau ist gemütlich“, sagt sie. „Nicht zu groß, nicht zu klein und sehr gut angebunden.“ Wobei der Vergleich zwischen den deutschen und den japanischen öffentlichen Verkehrsmitteln, die ihre Verspätungen in Sekunden messen, natürlich für einiges an Erheiterung sorgt. Da kann man hierzulande noch unendlich viel von japanischer Disziplin und Kontrolle lernen. Was auch der Grund ist, weshalb Shizen, wenn sie sich einmal im Monat nach Darmstadt zum Treffen mit den anderen Austauschschülern von AFS aufmacht, stets einen Zug früher fährt, man weiß ja nie.

All diese Erfahrungen wird Shizen im Juli wieder mit zurück nach Hause nehmen, und vergessen werde sie sie nie, ist sie sich am Ende sicher. Vor allem nicht das Familienleben mit ihren Gasteltern und dem Gastbruder, die gemeinsamen Essen jeden Tag, die zahllosen Gespräche, das Kartenspielen, die regelmäßigen Filmabende und die Ausflüge. „Das alles wird mir fehlen“, sagt sie. „Es wird schwer zurückzugehen, auch wenn ich mich auf meine Familie und meine Freunde freue, doch hier habe ich neue Freunde gefunden. Deshalb will ich unbedingt irgendwann zurückkehren, vielleicht zum Studium, und alle wiedertreffen.“ Darüber würden sich ihre Gasteltern ebenfalls sehr freuen, denn laut Sabine und Jens Dille ist Shizen längst zum Familienmitglied geworden. Auch für die Groß-Gerauer ist das Ganze eine unvergessliche Erfahrung.

Um jungen Menschen aus Deutschland und der ganzen Welt weiterhin diese Möglichkeit bieten zu können, sucht AFS kontinuierlich nach Familien, die bereit sind, Gastschüler aufzunehmen. Alle Informationen dazu findet man im Internet unter www.afs.de

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