Geheimnisse der Kunst

Von Ulf Krone.

Siggi Liersch nimmt uns mit in die Welt der Mail Art, eine moderne Kunstströmung, die sich über ihre Vernetzung durch den Postversand definiert. Bereits Anfang der 60er Jahre begründete der amerikanische Künstler Ray Johnson mit der New York Correspondance School ein Netzwerk von Korrespondenzpartnern, mit denen er auf postalischem Wege Kunstaktionen durchführte.

Dieses Netzwerk gilt als Ursprung und Beginn der Mail-Art-Szene, die bis heute enorm angewachsen ist und sich über die gesamte (Kunst-)Welt erstreckt – jedoch ohne große Ausstellungen, ohne den Kommerz, der in den vergangenen 150 Jahren aus der Kunst einen Kunstmarkt destilliert hat. Aber eben auch ohne große Öffentlichkeit oder Reichweite.

Bei einem Besuch bei Siggi Liersch, seines Zeichens WIR-Kolumnist, Liedermacher, Schriftsteller, Lehrer, Redakteur – und Mail-Art-Künstler – tauche ich ein in eine Welt, in der alles zu Kunst wird oder werden kann, von der Briefmarke über Zeitungsausschnitte, Werbeanzeigen, Zitate und allerlei Bastelzubehör bis hin zu Standbildaufnahmen aus Filmen oder auch Werke anderer Künstler. Grundsätzlich ist alles erlaubt.

Dazu werden Aufrufe gestartet, sich an einem Mail-Art-Projekt zu beteiligen, sei es zu einem bestimmten Thema, in einer vorgegebenen Form oder völlig frei, und die Künstler senden dann ihre Werke auf dem Postweg, zumeist im Postkarten- oder Briefformat, an den Initiator. Besonders seit den 90er Jahren haben die aus diesen Sammlungen entwickelten Hefte und Reihen an Bedeutung gewonnen. So werden die an den Projekten teilnehmenden Künstler aufgefordert, eine bestimmte Auflage, zumeist im zweistelligen Bereich, ihres Werks zu senden, so dass daraus dann ein entsprechendes Künstlerbuch nur mit Originalen entstehen kann, das es im Endeffekt bloß wenige Dutzend Mal gibt.

Weltweit demokratisch

Siggi Liersch hat unzählige solcher exklusiven Kunstwerke, die immer auch eine seiner Arbeiten enthalten, in seinem Schrank stehen. Die von Quebec in Kanada aus von R.F. Côté realisierte Reihe „Circulaire132“ ist eines von zahlreichen Mail-Art-Projekten, zu denen er seit seinem ersten Kontakt mit der Kunstform in den 90er Jahren eigene Werke beigetragen hat, mit seiner ganz eigenen Handschrift, einer Mischung aus spitzbübischem Humor, unbändiger Kreativität und dem Willen, unsere Gegenwart und ihre Verwerfungen künstlerisch zu kommentieren. Das in Deutschland entstehende, wunderschön in einer Box präsentierte „TicTac“ in einer Auflage von nur 25 Exemplaren von 25 Künstlern ist ein weiteres.

In einem seiner Werke prägte Siggi Liersch den auf die Mail Art bezogenen Ausspruch „Weltweit demokratisch“, und das ist die Kunstform auch tatsächlich, wenngleich der Begriff Kunstform eigentlich nicht ganz richtig ist. Denn in der Mail Art ist jede künstlerische Form denkbar, von Malerei, gleich ob gegenständlich oder abstrakt, über Collagen und Drucktechniken bis hin zu Texten. Sogar Figürliches ist, falls klein genug, denkbar, bloß mit Aktions- oder Performance-Kunst und Musik wird es auf postalischem Wege schwierig. Aber jeder ist willkommen, ein Künstler zu sein und sich kreativ auszudrücken, was letztlich die Erfüllung des berühmten Postulats von Andy Warhol darstellt, der sagte, dass jeder Mensch für fünfzehn Minuten in seinem Leben ein Künstler sei.

Mail Art ist präzise formuliert eher eine Distributionsform für Kunst, eine Verteilungsform, die auf den postalischen Weg beschränkt ist – ohne Galerien und Museen, ohne Kataloge und Werbung. Dadurch erlangt Mail Art eine Exklusivität, die besonders die Luxus-Industrie, allen voran die Akteure des weltweiten Kunstmarkts, aber ebenso Schmuckhändler, die Hersteller von Super-Sportwagen oder Modedesigner gern bewusst erschaffen – oder auch nur vorgaukeln, um diese dann an ihre zahlungskräftige Kundschaft mit möglichst hohem Gewinn zu verkaufen.

An diesem Punkt zeigt sich allerdings auch das Problem der Mail Art. Sie ist in einem derart hohen Maße exklusiv, dass sie dadurch vielfach irrelevant wird. Folgt man nämlich der Frage, ob etwas, zum Beispiel ein Ereignis oder eben ein Kunstwerk, überhaupt geschehen ist oder existiert, wenn es niemand beobachtet (hat), dann sind die im Bereich der Mail Art entstandenen Werke tatsächlich bedeutungslos und kaum existent. Denn sie sind nur den daran beteiligten Künstlern und eventuell ihrer Familie und Freunden bekannt, wenngleich verschiedene Museen rund um die Welt schon vor Jahren begonnen haben, Mail Art zu sammeln und diese in kuratierten Ausstellungen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Doch bei einer solchen Ausstellung gehen natürlich sowohl die Unmittelbarkeit als auch der direkte Bezug zu einer bestimmten Zeit und einer bestimmten gesellschaftlichen oder politischen Situation verloren, die die Mail Art eigentlich auszeichnen. Noch komplizierter ist die Sache bei der wohl spannendsten Form der Mail Art, wenn ein Künstler ein Werk als eine Art Vorlage erschafft und diese dann an einen anderen Künstler sendet. Der fügt dem Werk etwas hinzu und sendet es wiederum weiter an den nächsten, der seinerseits etwas an dem Werk verändert oder ergänzt, und so fort. Zwar steht am Ende dieses Prozesses ein einzelnes Kunstwerk, das theoretisch als Werk eines Künstlerkollektivs auch ausgestellt werden könnte, aber in Wirklichkeit handelt es sich um viele Kunstwerke, von denen bis auf jenes letzte alle anderen verschwunden sind, da sie erweitert oder verändert wurden.

Bei der Beschäftigung mit Siggi Lierschs Arbeiten, aber auch denen der zahlreichen anderen nationalen und internationalen Künstler, präsentiert sich mir die Mail Art als Kunstgeschichte im Mikroformat. Es gibt kleine Gemälde, Karikaturen, Grafiken, die sich mit allgemeinen gesellschaftlichen oder politischen, aber genauso mit privaten Themen beschäftigen. Es gibt Werke, die sich auf die großen Themen der Kunstgeschichte oder sogar gleich auf konkrete Werke beziehen, und es gibt den Raum für völlig Neues, Experimentelles. Nicht umsonst fühlten sich die Protagonisten der Mail Art schon immer dem Dadaismus und der Fluxus-Bewegung verbunden. Alles kann, nichts muss.  Doch wer das alles sehen und erleben will, braucht einen Mail-Art-Künstler in der Familie oder dem Freundeskreis oder muss selbst zu einem werden und mitmachen.

Immerhin eröffnen die neuen Möglichkeiten der digitalen Welt mittlerweile auch Räume für die Mail Art. Immer mehr Künstler präsentieren ihre Werke und Projekte im Internet auf Blogs, was zumindest für eine gewisse Öffentlichkeit sorgt. Denn bei vielen Werken wäre es durchaus schade, wenn sie ungesehen verschwänden.

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