Natur unter Druck

Von Ulf Krone.

Zurzeit steht unsere Natur unter Druck wie noch nie. Ob global mit den überall sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels in Form von Rekordtemperaturen der Weltmeere, Gletscherschmelze und sich häufenden Extremwetterereignissen oder auf regionaler Ebene mit Dürren, Waldbränden und höheren Temperaturen, die zur Einwanderung invasiver Tier- und Pflanzenarten führen. Und die erste frühe Hitzewelle des Jahres kündigt einen Sommer an, der unter dem Einfluss des El Niño-Phänomens stehen könnte. Was das alles für die heimische Natur bedeutet und wie ein Gegensteuern aussehen könnte, hat WIR-Redakteur Ulf Krone bei Martina Polensky, der ersten Vorsitzenden des NABU Groß-Gerau, nachgefragt.

Das Klima ändert sich, das Wetter wird extremer. Die erste Hitzewelle, die ersten Unwetter, die ersten Waldbrände sind bereits durch. Wie sehr steht die heimische Natur aktuell unter Druck?

Martina Polensky: Die klimatischen Veränderungen passieren zurzeit so schnell und sind so extrem, dass die heimische Pflanzen- und Tierwelt nicht genügend Zeit hat, sich darauf einzustellen.

Können Sie aufgrund der veränderten Bedingungen mit häufigeren und längeren Trockenperioden, regelmäßigen Extremwetterereignissen und höheren Temperaturen schon Veränderungen in der Natur ausmachen?

Martina Polensky: Die Folgen der Klimakatastrophe sind inzwischen für jeden sichtbar. Großflächig abgestorbene Fichten im Taunus, staubtrockene Böden im Ried, sinkende Grundwasserstände überall.

Wie sehr ist unsere Umwelt auf unsere Hilfe bei der Anpassung an die veränderten Umstände angewiesen?

Martina Polensky: Die Umwelt benötigt keine menschliche Hilfe, um sich anzupassen. In den Wäldern werden auf lange Sicht die Bäume hochkommen, die mit dem Klima zurechtkommen. Die Landschaft wird versteppen, heimische Tier- und Pflanzenarten werden aussterben und wärmeliebende zuwandern. Die Frage ist eher, ob wir in einer solchen veränderten Landschaft leben wollen und ob wir den jetzigen Zustand bewahren können.

Was kann aus NABU-Sicht auf kommunaler Ebene getan werden, um dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen?

Martina Polensky: Wasser ist der Quell allen Lebens. Wir müssen aufhören, die Wiesen zu entwässern und das Wasser mittels der Gräben schnellstmöglich wegzuleiten. Die Gemeinde Büttelborn hat ihre Feuchtwiesen an den NABU verpachtet, Kühe halten die Landschaft offen. Durch die Wiedervernässung des Niedermoors kann enorm viel CO2 gespeichert werden. Aber auch in den Städten müssen wir das Wasser länger halten – Stichwort Schwammstadt. Wir brauchen mehr Bäume, die Wasser verdunsten und dadurch die Umgebung abkühlen. Und warum müssen unsere Toiletten mit Trinkwasser gespült werden?

Abgesehen vom vieldiskutierten Umstieg auf nachhaltige Heiztechnik: Was kann jeder Einzelne sonst noch tun?

Martina Polensky: Gebäude und Verkehr, das sind nun mal die Bereiche, bei denen man mit Veränderungen am meisten bewirken kann, auch wenn das finanziell ins Geld geht. Also zum einen Dämmung, isolierende Fenster, niedrigere Raumtemperatur im Winter, zum anderen öfter mit Fahrrad und ÖPNV unterwegs sein, weniger Flugreisen. Und wir als NABU freuen uns natürlich über jeden, der seinen Garten oder Balkon attraktiv für Vögel, Igel und Insekten gestaltet. Mit ein bisschen mehr Unordnung und einer Ecke für Wildblumen kann jeder unsere heimische Natur unterstützen.

Zusammengefasst: es gibt so viele Möglichkeiten, wenn man nur ernsthaft bereit ist. Wie die Debatte um nachhaltige Heiztechnik gezeigt hat, hoffen immer noch viele, mit einem „Weiter so wie bisher“ irgendwie durchzukommen. Spätestens seit dem Ahrtal sollte aber jedem klar sein, dass die Klimakatastrophe mitten in Deutschland angekommen ist.

Martina Polensky
ist erste Vorsitzende des NABU in Groß-Gerau;
www.nabu-gross-gerau.de

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