Nicht halbherzige Versprechen

Von Rainer Beutel.

Alexander Fiedler bringt bei der Kreisjugendförderung unterschiedliche Beteiligungsformen für Kinder und Jugendliche voran, nicht nur im politischen Bereich. Er plädiert für Strukturen, die jungen Menschen gerecht werden, wehrt sich gegen Vorstellungen von „unreifen, defizitären Menschen“ und räumt mit dem Vorurteil auf, dass sich „die“ Jugend für nichts interessiere oder engagiere. WIR-Redakteur Rainer Beutel hat sich nach seinen Plänen und Erfahrungen erkundigt.

Herr Fiedler, wenn die Rede von Beteiligungsformen für Kinder und Jugendliche im Kreis Groß-Gerau ist, kann man zuerst an ein Jugendparlament wie in der Gemeinde Nauheim denken. Doch das ist bislang im Kreis und den Kreiskommunen nahezu beispiellos geblieben. Woran mag das liegen?

Alexander Fiedler: Hier liegen Sie nicht ganz richtig. Es gibt und gab in der Vergangenheit auch andere aktive Beteiligungsformen in den Kreiskommunen. In den 1990-er Jahren fand auf Einladung der Kreisjugendförderung ein kreisweites Kinder- und Jugendhearing statt, und die damaligen Impulse wurden in unterschiedlichen Strukturen aufgegriffen. Beispielweise gibt es seit 20 Jahren das Jugendforum mit einem Jugendrat in Mörfelden-Walldorf. In Kelsterbach wurde 2000 ein Jugendbeirat gegründet, hier werden nun neue Wege eingeschlagen. In anderen Kommunen findet sogenannte projektorientierte Beteiligung statt. Es gilt jeweils genau hinzuschauen, welche Form von Beteiligung in welcher Situation für Kinder und Jugendliche einer Kommune Sinn ergibt. Einige Kommunen haben deshalb eine lange Geschichte in der Erprobung verschiedener Modelle.

Was muss Ihrer Ansicht nach passieren, um jungen Menschen mehr Gehör und deren Meinungen und Ansichten mehr Bedeutung zu verschaffen?

Alexander Fiedler: Politik und Verwaltung haben Zeit- und Organisationsstrukturen, die im Konflikt stehen können mit den Prinzipien von Kinder- und Jugendbeteiligung. Beispielsweise dauern Bauprojekte sehr lange, so dass die einst am politischen Prozess beteiligten Kinder und Jugendlichen den Bezug zum fertig gebauten Projekt verlieren. Es müssen demnach Strukturen geschaffen werden, die den Lebenswelten der Kinder- und Jugendlichen gerecht werden und mit den Gepflogenheiten der Verwaltung und Politik vereinbar sind. Aber auch andere Instanzen spielen eine Rolle, wenn es heißt, Kindern und Jugendlichen mehr Sichtbarkeit und Gehör zu verschaffen. Wenn beispielsweise ein Bild von Kindern und Jugendlichen vorherrscht, dass sie „Defizite haben“ oder „halbe Menschen“, „unreif“, „in Entwicklung“ sind, dann bekommen sie auch nicht die nötige gesellschaftspolitische Anerkennung und ihren Meinungen und Ansichten werden keine Bedeutung zugewiesen.

Ist das auch eine Frage des Geldes?

Alexander Fiedler: Kinder und Jugendbeteiligung kann nur nachhaltig funktionieren, wenn sie Kontinuität hat. Hierzu braucht es vor allem Menschen, die speziell den Auftrag haben, Kinder und Jugendliche darin zu begleiten. Auch ein Budget für die Beteiligung ist von Bedeutung. Junge Menschen müssen erkennen, dass die Erwachsenen es ernst meinen und nicht nur halbherzige Versprechungen machen. Im Kontakt mit den Fachkräften in den Kommunen wurde deutlich, dass Kinder- und Jugendbeteiligung durchaus im Fokus der örtlichen Jugendförderungen steht, jedoch nur einen geringen strukturellen Stellenwert bekommt. Nur wenige Kommunen sehen einen Stellenanteil für Kinder- und Jugendbeteiligung vor oder haben ein Budget und eine zuständige Person für Kinder- und Jugendbeteiligung. Hier gibt es noch Aufholbedarf. Zudem braucht es eine Lobby für Kinder und Jugendliche. Gesellschaftliche Instanzen müssen Geld in die Hand nehmen, wenn sie die jungen Menschen nachfolgender Generationen hin zu kritisch denkenden Demokratinnen und Demokraten fördern wollen.

Ihnen geht es bei Ihrer Arbeit vermutlich nicht nur um parlamentarische Beteiligungsformen. Nennen Sie doch bitte mal weitere Ansatzpunkte Ihrer Arbeit.

Alexander Fiedler: Parlamentarische Beteiligungsformen sind ein hoher Anspruch. Oft sind sie attraktiver für junge Menschen, die bereits aufgrund ihres Elternhauses und Aufwachsens Zugang zu politischen Zusammenhängen finden. Für andere sind sie zu formalisiert und deshalb nicht niedrigschwellig genug. Der Ansatz der Kreisjugendförderung ist es jedoch Wege zu finden, allen Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu Politik zu ermöglichen. Ein Beteiligungs-Mix ist fachlich am sinnvollsten und entspricht den unterschiedlichen Interessen und Bedarfen von Kindern und Jugendlichen. Die einzelnen Elemente dieses Beteiligungs-Mix‘ müssen mit ihnen gemeinsam entwickelt werden. Es ist also zum einen wichtig, die Vielfältigkeit der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen zu berücksichtigen, zum anderen aber auch die Gegebenheiten vor Ort. Beispielweise kann Beteiligung in einer Gemeinde mit vielen Ortsteilen anders aussehen als Beteiligung in einer eher städtischen Kommune.

Jungen Menschen wird oft und voreilig nachgesagt, diese hätten gar kein Interesse, sich politisch oder gesellschaftlich zu engagieren. Ein weiterer Hinderungsgrund ist die fehlende Zeit. Was sind nach den ersten Monaten Ihrer Tätigkeit Ihre Erfahrungen? Sind junge Leute wirklich so teilnahmslos?

Alexander Fiedler: Wenn von „Politikverdrossenheit der Jugend“ die Rede ist, spiegelt sich darin zum Beispiel das Versäumnis wider, Kindern und Jugendlichen einen jugendgerechten Zugang zu politischen und gesellschaftlichen Engagement zu ermöglichen. Es kann an fehlenden Kompetenzen oder fehlender Bereitschaft der Erwachsenenwelt liegen, „Macht zu teilen“, – die Schuld wird zu oft bei den Kindern und Jugendlichen gesucht, nicht an die eigene Nase gefasst. Es gibt im Kreis viele junge Menschen, die sich in unterschiedlicher Weise beteiligen. Sei es in öffentlichen Diskursen, in Beteiligungsformen oder in Projekten. Kinder und Jugendliche beteiligen sich am öffentlichen Raum aber nicht immer so, wie es die Erwachsenenwelt erwartet, und werden daher diskreditiert. Es ist nötig, dass sich die politischen Vertreter und andere Instanzen selbst fragen, was ihre Kommune, ihre Stadt dafür macht, dass sie für Kinder und Jugendliche ein attraktiver Ort ist.

Auf welche Weise könnten bei politischen Entscheidungen die Interessen von Kindern und Jugendlichen mehr berücksichtigt werden, wenn die Parlamente der Erwachsenen ohnehin das letzte Wort haben?

Alexander Fiedler: Es gibt eine große Bandbreite an Möglichkeiten, die Interessen von Kindern und Jugendlichen bei politischen Entscheidungen zu berücksichtigen. Das fängt z. B. bei Instrumenten wie einem Jugend-Check an, bei dem Gesetzesentwürfe darauf hin geprüft werden, wie deren Umsetzung sich auf das Leben von Kindern und Jugendlichen auswirkt (ein Instrument, das bisher nur auf Bundesebene implementiert ist und auch auf Landesebene eingesetzt werden soll). Dann gibt es Kinder- und Jugendhearings und Ähnliches – also temporäre Dialoge zwischen Politik und Kindern und Jugendlichen. Schließlich gibt es formalisierte Beteiligungsformen – etwa Jugendräte mit festen Sitzen, Vorsprache- und Vorlagerecht in den Stadt- oder Gemeindeparlamenten. Auf die von Ihnen genannten Politikfelder wird Kinder- und Jugendbeteiligung leider meistens reduziert. Warum werden Kinder und Jugendliche nicht auch bei Fragen zum Natur- und Artenschutz, zur Wirtschaftsförderung oder zur Wasserversorgung politisch beteiligt? Das sind auch Politikfelder, die Kinder und Jugendliche direkt betreffen.

Was sind konkret Ihre nächsten Vorhaben?

Alexander Fiedler: Der Kreistagsauftrag gibt verschiedene Säulen für die Förderung und Verstetigung von Kinder- und Jugendbeteiligung im Kreis vor. Zurzeit sind wir im Kreis mit unserer #YourPlaceYourRights-Kampagne aktiv. Das ist eine vom Land Hessen geförderte Kinder- und Jugendrechte-Kampagne, die allen Kindern und Jugendlichen im Kreis die Möglichkeit gibt, auf sich und die eigenen Anliegen, Wünsche und Bedürfnisse über eine Internetplattform aufmerksam zu machen (http://www.ypyr.de/). Außerdem planen wir ein Treffen verschiedener junger Leute im Kreis, die sich auf unterschiedliche Weise bereits gesellschaftlich oder politisch engagieren. Wir werden mit ihnen an einem kreisweiten Kinder- und Jugendbeteiligungsprogramm arbeiten. Aber es geht natürlich auch um Qualifizierungsangebote für Erwachsene, Fachdiskurse, Arbeitskreise etc.

Für Ihre Vorstellungen und Ideen brauchen Sie Partner. Haben Sie schon welche gefunden oder sind Sie noch eher ein Einzelkämpfer?

Alexander Fiedler: Corona-bedingt musste ich im ersten Jahr meines Schaffens viel vom Schreibtisch aus arbeiten. An dem Auftrag, Kinder- und Jugendbeteiligung im Kreis zu fördern, arbeite ich ja nicht alleine, sondern im Team von Kreisjugendförderung/Jugendbildungswerk. Wir haben eine intensive Zusammenarbeit, gerade mit den örtlichen Jugendförderungen, mit denen wir im ständigen Kontakt sind und in Fachveranstaltungen und Arbeitskreisen an gemeinsamen Arbeitsbündnissen, Projekten und Beteiligungsvorhaben arbeiten. Weitere Kooperationspartner sind die Schulsozialarbeiter. Ganz besonders freut es mich, dass ich schon Kinder und Jugendliche gefunden habe, die interessiert daran sind, beim Aufbau eines kreisweiten Kinder- und Jugendbeteiligungsprogramms aktiv zu werden.

Zur Person: Alexander Fiedler (39) ist bei der Kinder- und Jugendbeteiligung des Kreises Groß-Gerau beschäftigt und telefonisch unter 06152 989-84194 sowie per E-Mail mit der Adresse jf@kreisgg.de erreichbar. Der gelernte Erziehungswissenschaftler leitete früher beim Caritasverband Darmstadt eine Wohngruppe für Kinder und Jugendliche und war unter anderem sieben Jahre in der Wissenschaft als Lehrbeauftragter der evangelischen Hochschule Darmstadt tätig.

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