Weniger Verbrauch, mehr Effizienz

Von Rainer Beutel.

Das Klima geht uns alle an. Was jeder einzelne tun kann, um es zu schonen, steht nahezu täglich in den Medien. Die Gemeinde Nauheim unternimmt wirklich etwas. Nach der Einstellung des Klimaschutzmanagers Jörg Glock sollen private und gewerbliche Projekte schnellstmöglich finanziell gefördert werden. Der Experte erklärt die Pläne im Interview mit WIR-Redakteur Rainer Beutel.

Herr Glock, die Gemeinde Nauheim beschäftigt Sie seit Kurzem als Klimaschutzmanager. Was genau sind Ihre Aufgaben, das heißt: Wie „managen“ und schützen Sie das Klima?

Jörg Glock: Im klimapolitischen Handeln kommt Kommunen eine Schlüsselrolle zu. Sie sind im Rahmen der eigenen Daseinsfürsorge für die Umsetzung unterschiedlicher Maßnahmen zuständig, die darauf abzielen Rahmenbedingungen zu schaffen, durch die die Geschwindigkeit und der Erfolg der Klimaschutzarbeit begünstigt wird. Meine Hauptaufgabe als Klimaschutzmanager besteht zunächst darin, ausgehend von einer CO2-Startbilanz für die Gemeinde Nauheim gemeinsam mit den politischen Gremien CO2-Minderungsziele festzulegen und geeignete Maßnahmen zu entwickeln, um diese Ziele zu erreichen.

Mit welchen Zielen bzw. was sind Schwerpunkte?

Jörg Glock: Auf Bundesebene wird die Treibhausgasneutralität bis 2045 anvisiert, wobei bis 2030 ein Rückgang um 65 Prozent erreicht werden soll. Die Handlungsfelder der Klimaschutzarbeit sind dabei sehr vielfältig und erstrecken sich über alle Sektoren (Industrie, Haushalte, Verkehr, Landwirtschaft usw.). Die Schwerpunkte unserer Klimaschutzarbeit lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Energieverbrauch reduzieren, Energieeffizienz steigern, Erneuerbare Energien ausbauen

Im Gebäudesektor beispielsweise muss neben der Verbesserung der Ausschöpfung lokaler Potenziale zur nachhaltigen Stromerzeugung auch eine Wärmewende anvisiert werden – weg von den fossilen Energien hin zu einer klimaneutralen Wärmebereitstellung. Neben der Versorgungstechnik muss hier auch die Energieeffizienz der Gebäude insgesamt verbessert werden. Neben der Aufgabe des Klimaschutzes, also Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels, müssen auch Schritte zur Anpassung und Vorbeugung der zunehmend spürbaren und nicht selten gefährlichen Folgen des Klimawandels unternommen werden.

Nennen Sie bitte einige Beispiele, wie Bürger oder Gewerbetreibende von Ihrer Arbeit profitieren können?

Jörg Glock: Wir möchten Bürgern und Gewerbetreibenden in Zukunft beratend zur Seite stehen und erste Impulse setzen, wie sie sich aktiv am Klimaschutz beteiligen können. Bestandteil der Beratung, die kostenlos in Nauheim in Anspruch genommen werden kann, soll es auch sein, aufzuzeigen, welche Möglichkeiten generell zur Verfügung stehen, um den Energieverbrauch zu optimieren und Kosten einzusparen und damit einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Eine erste Photovoltaik-Potenzial-Analyse kann z.B. anhand des Solarkatasters Hessen durchgeführt werden und ist Bestandteil dieser Beratung insofern dies gewünscht ist. Anhand der Ergebnisse können so Kosten und Erträge sowie die Wirtschaftlichkeit geplanter PV-Anlagen im Voraus bestimmt werden. Darüber hinaus möchten wir über Fördermöglichkeiten zur Finanzierung einzelner Maßnahmen informieren und Kontakte zu Energieberatern und Fachunternehmen, für die Umsetzung der einzelnen Vorhaben, vermitteln. Zusätzlich unterstützen wir einige Vorhaben durch kommunale Zuwendungen für bspw. die Errichtung eine Photovoltaikanlage und eines Stromspeichers.

Es geht also nicht nur um Photovoltaikanlagen, oder?

Jörg Glock: Richtig. Klimaschutz ist eine Querschnittsaufgabe, die nur durch aktives Einbeziehen aller gesellschaftlichen Ebenen und wirtschaftlichen Bereiche gelingen kann. Die kommunale Energiewende, Wärmewende und Verkehrswende bedarf der Transformation zahlreicher Sektoren und kann nur gemeinschaftlich gelingen. Als einen ersten Schritt für die Partizipation der Bürger an der Klimaschutzarbeit der Gemeinde wurden diese durch die Klimakommission dazu aufgerufen, ihre Ideen und Wünsche in Bezug auf die lokale Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen zu äußern. Erste Rückläufe diesbezüglich sind bereits bei uns eingegangen und werden nun ausgewertet.

Gibt es auch Grenzen?

Jörg Glock: Natürlich, die sind nicht selten finanzieller Natur. Aber es gibt eben auch viele Möglichkeiten, die genutzt werden können. Bevor man anfängt darüber nachzudenken, was eigentlich nicht geht, sollte man zunächst einmal die Potenziale ausschöpfen die durch die Möglichkeiten gegeben sind. Hierzu zählt unter anderem auch der Ausbau der Photovoltaik, der signifikant gesteigert werden soll, um den Anteil regenerativ erzeugten Stroms in der Gemeinde Nauheim zu steigern. Langfristig sollten aber auch Machbarkeitsstudien und Quartierskonzepte für netzbasierte Wärmesysteme entwickelt werden, die insbesondere bei Bestandsgebäuden oft eine geeignete Lösung darstellen, um die Kohlenstoffdioxid Emissionen zu verringern. Eine Herausforderung dabei stellen häufig städtebauliche Eingriffe und die Schaffung einer geeigneten Betreiberstruktur dar.

Wie machen Sie sich und Ihre Arbeit bekannt?

Jörg Glock: Neben dem Bürgeraufruf zur aktiven Mitarbeit im Bereich Klimaschutz durch die Klimakommission, den ich genutzt habe, um mich den Bürgerinnen und Bürgern in Nauheim vorzustellen und auch als Ansprechpartner für Fragen genannt bin, sollen diese durch Zeitungsartikel, Flyer, unsere kommunale Website und Öffentlichkeitsveranstaltungen über unsere Arbeit und Unterstützung im Klimaschutzbereich informiert werden.

Geplant sind außerdem Bürgerversammlungen. Auch soll der Bereich des Klimaschutzes auf der kommunalen Website stärker zur Geltung kommen. Neben einer Übersicht über unsere Förderprogramme sollen dort auch die Antragsformulare, Förderrichtlinien zum kommunalen Zuschussprogramm sowie Informationen über die Arbeit der Klimakommission zu erhalten sein. Wir möchten unsere Arbeit damit transparent machen und als Vorbild für den angestrebten Wandel auftreten.

Wie wird das alles finanziert?

Jörg Glock: Klimaschutz kostet zunächst einmal Geld. Das ist, glaube ich, allen klar. Dennoch möchte ich betonen, dass durch die Umsetzung von Maßnahmen langfristig auch Geld eingespart wird. Ganz ohne staatliche Förderungen wird es nicht funktionieren. Wir profitieren wie andere Kommunen selbstverständlich von den staatlichen Förderungen, die auf viele Maßnahmen, die dem Klimaschutz dienlich sind gewährt werden. In diesem Zusammenhang findet eine enge Zusammenarbeit mit dem Fördermittelmanager der Gemeinde, Mimoun Houmami, statt, der mich tatkräftig dabei unterstützt, Gelder für Klimaschutzmaßnahmen zu akquirieren. Dadurch kann die Gemeinde Nauheim von den finanziellen Anreizen für Kommunen profitieren und den Klimaschutz vor Ort noch effektiver voranbringen. Diesbezüglich gilt es immer „up to date“ zu sein.

Und wohin können sich andere Kommunen wenden, die dem Beispiel der Gemeinde Nauheim folgen und ebenfalls mehr fürs Klima tun wollen?

Jörg Glock: Wir sind selbstverständlich für jeden Dialog dankbar und stehen anderen Kommunen und Gemeinden auch gerne als Ansprechpartner zur Verfügung. Darüber hinaus übernimmt die LandesEnergieAgentur (LEA) im Auftrag der hessischen Landesregierung zentrale Aufgaben bei der Umsetzung der Energiewende und des Klimaschutzes. Sie bietet vielfältige Unterstützung bei kommunalen Strategien und Maßnahmen zum Klimaschutz, zur Energieeffizienz, zur Energieeinsparung und zum Ausbau erneuerbarer Energien an. Auch der Kreis selbst mit dem Fachdienst Klimaschutz ist mit Sicherheit ein guter Ansprechpartner für andere Kommunen.

Eine gute Möglichkeit Einblicke in die Klimaschutzarbeit anderer Kommunen zu erhalten ist außerdem eine Mitgliedschaft bei den Klimakommunen Hessen. Dort wird regelmäßig in Klimaschutz- und Energieforen über aktuelle Projekte informiert. Diese Foren dienen dem interkommunalen Informationsaustausch und bilden eine Plattform für die Zusammenarbeit zwischen Nachbarkommunen und Landkreisen. Die Städte und Gemeinden des Kreises Groß-Gerau haben sich in einem gemeinschaftlichen Prozess ebenfalls auf den Weg gemacht ihre interkommunale Zusammenarbeit im Bereich Klimaschutz weiter auszubauen.

Wie kann man gemessen, ob Ihre Arbeit dem Klima wirklich nutzt?

Jörg Glock: Wird weniger Energie benötigt, ist das ein Zeichen dafür, dass die Energieeffizienz verbessert oder der Energieverbrauch reduziert wurde und insgesamt weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen wird. Das wäre zum Beispiel ein Indiz dafür, dass die Arbeit dem Klima nutzt. Also über den Weg des Vermeidens und Verringerns. Dabei wird natürlich auch an das Verhalten jedes Einzelnen appelliert. Geht es nicht über den Weg des Vermeidens & Verringerns, kann auch bei gleichbleibendem Energiebedarf ein Erfolg erzielt werden, indem die Energie nicht durch fossile Energieträger wie z.B. Kohle oder Gas, sondern regenerativ zur Verfügung gestellt wird. Ein letztes Mittel wäre dann noch die Kompensation. Das bedeutet, dass die CO2-Emmisonen, die durch den Energieverbrauch entstehen, durch Kompensationsmaßnahmen wie z.B. der finanziellen Teilhabe an Erneuerbare-Energie-Projekten (oft in Entwicklungsländern) oder Aufforstungsprojekte kompensiert werden. Durch die Kompensationszahlungen werden Aktivitäten finanziert, die den Ausstoß von Treibhaugasemissionen gegenüber dem „Business-as-usual“-Szenario vor Ort tatsächlich verringern und damit die eigenen Emissionen ausgleichen helfen. Emissionen vermeiden und verringern ist aber immer besser; denn was man nicht emittiert, muss man gar nicht erst aufwendig ausgleichen. Diverse webbasierte Softwarelösungen dienen dazu, den kommunalen Energieverbrauch und die CO2-Emissionen zu bilanzieren. Dabei wird auf verschiedene Daten von Netzbetreibern Energieversorgungsunternehmen und bestimmte Kennzahlen zurückgegriffen. Durch das Einpflegen kommunaler Verbrauchs- und Emissionsdaten in diese Datenbanken und die ständige Aktualisierung, kann ebenfalls beurteilt werden, ob die Arbeit dem Klimaschutz nutzt.

Jörg Glock ist Klimaschutzmanager der Gemeinde Nauheim;
jglock@nauheim.de, Tel. 06152-639233.

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.