Mit Freude und Respekt

Von Ulf Krone.

Zum 1. August hat Sabine Kämpf (l.) von Martin Gonnermann die Leitung der Beruflichen Schulen Groß-Gerau (BSGG) übernommen. Die erfahrene Pädagogin kennt die BSGG seit mehr als zwei Jahrzehnten. WIR-Redakteur Ulf Krone hat mit ihr über die Herausforderungen, die die Entwicklung der beruflichen Schule mit sich bringen, gesprochen.

Vor wenigen Wochen haben Sie die Nachfolge von Martin Gonnermann angetreten und die Leitung der BSGG übernommen. Dabei sind Sie bereits seit 2001 in verschiedenen Positionen an den BSGG tätig. Zeichnen Sie bitte einmal kurz Ihren Werdegang nach und erläutern Sie, was es für Sie bedeutet, jetzt die Schulleitung zu übernehmen?

Sabine Kämpf: Ich habe nach dem Abitur in Traben-Trarbach an der Mosel eine Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Kreissparkasse Köln absolviert. Dadurch kam ich zum ersten Mal mit beruflicher Bildung in Kontakt, was mich dann bewegte, Wirtschaftspädagogik zu studieren. Erst im Laufe des Studiums habe ich wirklich erfahren, wie vielfältig und spannend die Welt der beruflichen Bildung ist. Das Studium der Wirtschaftspädagogik habe ich an der JGU in Mainz absolviert und das Referendariat an der Martin-Behaim-Schule in Darmstadt. Nach dem Referendariat war die BSGG meine erste Wahl: weil die Bankkaufleute dort ausgebildet wurden und die Schule durch ihr breites Vollzeitangebot und die Vielfalt in der Teilzeit-Berufsschule sehr attraktiv für mich war. Ich leitete an der BSGG verschiedene Arbeitsgruppen, wie die Steuergruppe, die sich mit Qualitätsentwicklung beschäftigt, oder die AG Öffentlichkeit und habe 19 Jahre Erfahrung als Leiterin von zwei Abteilungen, zuletzt als Bereichsleiterin des beruflichen Gymnasiums. Die Übernahme der Schulleitung ist eine Aufgabe, der ich mit großer Freude entgegensehe, aber auch mit großem Respekt.

Was zeichnet für Sie die Arbeit an einer beruflichen Schule aus – etwa im Vergleich zu einer Grundschule oder einem Gymnasium?

Sabine Kämpf: Da ich die Grundschule und das Gymnasium nur aus meiner Zeit als Schülerin kenne, kann ich keinen Vergleich ziehen. Sicher unterscheidet sich eine berufliche Schule schon durch ihre Größe von den meisten anderen Systemen. Wir haben aber im Gegensatz zum allgemeinbildenden Schulwesen verschiedene Berufsfelder und Schulformen unter einem Dach. So deckt die BSGG in der dualen Berufsausbildung acht Berufsfelder ab: Unsere Schüler/innen absolvieren ihre Ausbildung z.B. im Bereich Fahrzeugtechnik, Gesundheit, Wirtschaft und Verwaltung. Unser Vollzeitangebot umfasst die InteA-Klassen (Integration durch Anschluss und Abschluss), die Berufsfachschule (zum Übergang in Ausbildung), die Fachoberschule und das berufliche Gymnasium. Die Mischung aus so vielen Berufsfeldern und Bildungsgängen macht die Attraktivität der BSGG aus: Vielfalt ist unsere Stärke. Bereits im Vollzeitunterricht lernen unsere Schüler/innen unterschiedliche Berufsfelder kennen und erreichen damit den nächsthöheren angestrebten Schulabschluss. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zur beruflichen Orientierung.

Was sind die Herausforderungen, vor denen sie nun als neue Schulleiterin stehen?

Sabine Kämpf: Zum einen ist der Fachkräftemangel ein Thema, das uns als berufliche Schule herausfordert. Wir sehen uns als Partner für den Wirtschaftsstandort Groß-Gerau und darüber hinaus. Wir haben aber auch in einigen Berufen, wie Tischler/innen, Friseur/innen oder Maler/innen sinkende Schülerzahlen, weil die Betriebe keine Azubis mehr finden. Das Handwerk muss gestärkt werden, und die Berufsausbildung muss an Attraktivität für die jungen Menschen zunehmen und eine gleichwertige Alternative zum Studium darstellen. Dies ist eine Aufgabe, die die Partner der dualen Ausbildung nur gemeinsam gewältigen können. Zum anderen schreitet die technische Entwicklung und Digitalisierung schneller denn je voran, und wir müssen die Schüler/innen auf den Arbeitsmarkt von Morgen vorbereiten, auf Berufe, die wir heute noch gar nicht kennen. Schüler/innen brauchen Kompetenzen, die weit über die Fachkompetenz hinausgehen: Sozialkompetenz, Reflexionsfähigkeit, Selbstorganisationsfähigkeit, Kritikfähigkeit, Teamfähigkeit etc. Fachwissen veraltet so schnell und ist schon lange kein Alleinstellungsmerkmal der Lehrkraft mehr: Daher muss der Unterricht anders ausgestaltet werden: Schüler/innen müssen Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen, das Tempo selbst bestimmen, die Ergebnisse reflektieren, und am Ende muss sich auch die Art der Leistungsbewertung verändern. Das sind die beiden größten Herausforderungen, vor denen die berufliche Bildung steht. Die Wissensvermittlung durch die Lehrkraft ist kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Durch das Internet und Tools wie Chat GPT ist Wissen 24/7 verfügbar, und die Aufgabe der Lehrkraft besteht eher darin, einen kritischen Umgang damit zu vermitteln.

Wie haben sich die BSGG und die Anforderungen, die an sie gestellt werden, in den knapp zwei Jahrzehnten, in denen Sie dort nun schon tätig sind, verändert?

Sabine Kämpf: Schule hat sich von der „Kreidezeit“ hin zur Digitalisierung gewandelt: Als ich anfing, gab es noch nicht einmal E-Mail-Adressen. Heute ist der Großteil des Unterrichts bereits digital: OneNote und Teams erlauben uns kollaboratives Arbeiten, die Schüler/innen haben teilweise digitale Lehrwerke und schleppen keine schweren Bücher mehr, die Lehrkraft kann den Schüler/innen individueller und schneller Rückmeldungen zu den Lehrprodukten geben, das Klassenbuch ist nicht mehr aus Papier, sondern elektronisch im Schulportal, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Die Zeit ist insgesamt schnelllebiger geworden, das merken wir auch an der Schule: die Schülerzahlen sind schwankender und leider in der dualen Berufsausbildung teilweise rückläufig. Auch für uns als berufliche Schule wird es immer schwieriger, Lehrkräfte zu finden. Auch hier hat der Fachkräftemangel Einzug gehalten.

Berufe wurden neu strukturiert: was früher der Bürokauffrau/ die Bürokaufmann war, ist heute die Kauffrau/der Kaufmann für Büromanagement, oder den KFZ-Mechaniker und die KFZ-Mechanikerin gibt jetzt auch mit dem Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik.

Ich habe die Entwicklung zur selbstständigen beruflichen Schule miterlebt: Damit verbunden sind mehr Eigenverantwortung und mehr Gestaltungsfreiheit. Unsere Bildungsangebote haben wir an die Notwendigkeiten von Wirtschaft und Gesellschaft angepasst: Darunter fällt die Einführung der Berufsfachschule im Übergang zur Ausbildung, die InteA Klassen (Integration durch Anschluss und Abschluss), das Berufliche Gymnasium – Umwelttechnik und Gesundheit, oder die Fachoberschule Gesundheit.

Auch die Außendarstellung der Schule hat sich verändert: so haben wir bspw. eine Arbeitsgruppe für Öffentlichkeitsarbeit eingerichtet. Der wirtschaftliche und technische Wandel stellt natürlich an die beruflichen Schulen immer wieder neue Anforderungen, das macht unseren Job aber auch spannend und herausfordernd.

Wo sehen Sie die BSGG in zehn Jahren? Wohin geht die Reise in Sachen beruflicher Ausbildung?

Sabine Kämpf: Unser Schulträger, der Kreis Groß-Gerau, hat mit uns und für uns einen Neubau geplant, der einen flexiblen Übergang zwischen theoretischen und praktischen Phasen ermöglicht, aber auch einen Wechsel der Sozialformen und Methoden, wo die Schüler/innen offene Lernlandschaften genauso vorfinden wie Stillarbeitsräume, Instruktionsräume oder Labore, und so können wir den Anforderungen, die die Arbeitswelt an unsere Absolvent/innen stellt, sehr gut gerecht werden. Zurzeit haben wir Raumknappheit und lange Wege, das schränkt die unterrichtlichen Möglichkeiten noch ein. Doch mit dem Neubau werden wir sehr gut aufgestellt sein, um unsere Schüler/innen auf die wachsenden Anforderungen vorzubereiten.

Der Fachkräftemangel und dessen Beseitigung wird uns sicher noch eine Weile begleiten. Berufsbilder werden sich weiterentwickeln, andere werden verschwinden und neue werden entstehen, und sicher wird die Digitalisierung uns auch weiterhin beschäftigen. Das war jetzt ein Blick in die Glaskugel: Wir können die Zukunft nicht voraussagen, aber wir können sie gestalten.

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