Im kollektiven Gedächtnis

Von Rainer Beutel.

Menschen, die noch den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, werden immer weniger. Bekannt ist auch, um es ein wenig ätzend auszudrücken, dass es in Nazi-Deutschland eigentlich fast nur „Mitläufer“ gegeben hat. Zu würdigen sind die Menschen auf lokaler und regionaler Ebene, die sich trotz anderer Themen und Probleme der Gegenwart mutig daran abarbeiten, dass das Geschehene nicht vergessen geht. Auch diese Personen werden immer weniger.

Bei den Volkstrauertagen sind landauf, landab Mahnungen und Appelle zu hören, aber es ist auch zu beobachten, dass die Zahl der Menschen mit Bezug zur Zeit vor 1945 sinkt. Und doch gibt es Leute wie Wolfgang Einsiedel aus Königstädten, die es mit einem Pflichtbesuch bei einer Gedenkfeier nicht bewenden lassen. In einem bemerkenswerten Buch hat er sich mit jenen Menschen befasst, die das Ende des Zweiten Weltkriegs in seinem Heimatort miterlebten. Daraus ist das reichlich bebilderte Werk „Momente der Königstädter Geschichte – Zeitzeugen zum Kriegsende 1945 „entstanden, auf das hier eingegangen wird.

Und damit erschließt sich ein zunächst verstörender Aspekt. Selbst wer das Buch nur durchblättert oder überfliegt, wird auf einen Namen stoßen, der immer wieder auftaucht: Generalmajor Siegfried Runge. Um es vorwegzunehmen: Es geht um einen strammen Nazi, der schon vor 1933 Militärkarriere gemacht hat und der unmittelbar vor dem Einmarsch der alliierten Truppen, die den Rhein überquerten und auf Trebur, Königstädten, Nauheim und Groß-Gerau vordrangen, ums Leben kam.

Sein Tod, über dessen Ursache es widersprüchliche Angaben gibt, wirft ebenso Fragen auf wie die ausführliche und wiederkehrende Erwähnung in Einsiedels Buch, das – dies muss betont werden – überwiegend aus Zitaten und Berichten von Zeitzeugen beruht. Warum also wirken die alten Königstädter in ihrer Erinnerung so beeindruckt, ja beinahe ergriffen von diesem Kommandeur, der Menschen getötet hat und ein gehorsamer Befehlsempfänger (noch) schlimmerer Schergen war? WIR-Redakteur Rainer Beutel hat sich bei Wolfgang Einsiedel erkundigt.

Herr Einsiedel, haben Sie hinterfragt, warum die Person des Generalmajor Runge in Königstädten einen solchen Stellenwert zu haben scheint?

Wolfgang Einsiedel: Generalmajor Runge ist eine zentrale Figur im zweiten Kapitel des Buches mit der Überschrift „Die Schlacht auf unseren Äckern“. Er sollte von Königstädten aus mit völlig unzureichend ausgerüsteten Soldaten die übermächtige US-Army wieder über den Rhein zurückdrängen. Auf unseren Feldern zwischen Trebur, Astheim und Königstädten wurden in einer Nacht völlig sinnlos blutjunge Wehrmachtssoldaten verheizt. Hier gibt es die meisten Toten. Bei Tagesanbruch beging Runge vor seinem Königstädter Gefechtsstand Selbstmord. Warum bringt man seine Leiche nach Messel? Was wissen die Königstädter von der Schlacht auf ihren Äckern? Dazu habe ich recherchiert und es aufgeschrieben.

Haben Sie über Runge weitergehende Recherchen angestellt? Falls ja, was kam dabei heraus?

Wolfgang Eindsiedel: Runge war hochdekorierter Berufssoldat. Im ersten Weltkrieg wurde er mit dem „Pour le Mérite“ ausgezeichnet. Zwischen den Kriegen tauchte er bei paramilitärischen Verbänden unter. Nach der Machtübernahme der Nazis wurde er in die SA übernommen und später bei der Wehrmacht eingestellt. Im Buch gehe ich auch der Frage nach, ob er, wenige Tage vor seinem Tod, durch Befehlsverweigerung Oppenheim vor einem Bombardement der Amerikaner bewahrt hat. Auch in Groß-Gerau bricht der deutsche Widerstand nach seinem Tod zusammen. Die Amerikaner erkennen das und verzichten zum Glück auf die geplante Bombardierung der Stadt. 

Stimmt es, was kürzlich in der Tagespresse sinngemäß so beschrieben wurde: Dass Sie von dessen Schicksal „bewegt“ waren oder war das eine frei gewählte Formulierung der Journalistin? Falls Sie tatsächlich „bewegt“ waren: Wie ist das zu verstehen?

Wolfgang Einsiedel: Runge selbst hatte seinen Freitod schon als Soldatentod inszeniert, in dem er auf der Landstraße so lange auf und ab fuhr, bis ihn die allgegenwärtigen amerikanischen Jagdbomber abschossen. Offiziell aber wird verkündet, dass ihn ein feindlicher Granatsplitter an der Front von hinten in den Rücken traf. Das klingt ganz nach dem heimtückischen Dolchstoß in den Rücken des Helden. Bei der Wehrmachtsführung sollte offenbar kein Zweifel aufkommen. Damit wollte man die Sippenhaft, die gerade auch für glücklose Generäle galt, endgültig ausschließen. Das bewegt mich schon. Ist es der ungezählte sinnlose Tod der Soldaten in dieser Nacht, der ihn trieb? War es die Bilanz seines Lebens? Wirklich ganz tief bewegt haben mich jedoch die Berichte der Überlebenden der Schlacht auf unseren Äckern. Von vorne Dauerfeuer, von oben die Jagdbomber, kein Spaten zum Eingraben und nach hinten tischebenes Gelände ohne Deckung. Die Ackerfurchen in der „Tiefgewann“ und den „Rödern“ sind jetzt wie Mahnmale für mich.

Zur Gegenwart: Haben Sie weitere Themen mit Bezug zu Königstädten schriftstellerisch in Arbeit?

Wolfgang Einsiedel: Ja, ich bin dabei. Ich sollte unbedingt noch etwas über den Königstädter Handkäs‘ aufschreiben. Schließlich hat der über 100 Jahre Königstädten mitgeprägt. Da gibt es noch eine ganze Reihe von Königstädtern mit bisher kaum beachteten Biografien. Denken Sie nur an die drei letzten Kapitel dieses Buches – es sind drei Biographien, die bewegen.

Ist die Auflage Ihres jüngsten Werks bereits vergriffen? Oder sind noch Exemplare zu beziehen – wenn ja, wo?

Wolfgang Einsiedel: Noch gibt es das Buch bei „Gute Seiten“, der Buchhandlung im EKZ in Königstädten zu kaufen. Sollte Postversand gewünscht sein, wenden Sie sich an mich unter der Rufnummer 06142-32344.

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