Schule als sozialer Raum

Von Rainer Beutel.

Miriam Bach ist Vorsitzende des Bildungsausschusses des Kreistags Groß-Gerau. Als Nachhilfelehrerin erlebt sie, welche Folgen die Pandemie auf die Lernbereitschaft junger Leute hat. Gegenüber WIR-Magazin-Redakteur Rainer Beutel schildert die Nauheimer SPD-Kommunalpolitikerin in einem Interview die Folgen und was dagegen unternommen werden kann – oder noch vor Corona hätte getan werden müssen.

Frau Bach, als junge Erwachsene haben Sie vermutlich noch einen direkten Draht Kindern und Jugendlichen. Wie hat sich bis jetzt die Corona-Pandemie auf die Lernbereitschaft von Kindern und Jugendlichen ausgewirkt?

Miriam Bach: Als ehemalige Nachhilfelehrerin in einem Nachhilfeinstitut in Nauheim habe ich insbesondere die Anfänge der Pandemie und die Auswirkungen auf Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern live mitverfolgen können. Pauschal kann man die Frage jedoch gar nicht beantworten. Das hängt leider viel zu oft von den individuellen Voraussetzungen ab.

Was heißt das? Nennen Sie bitte Beispiele.

Miriam Bach: Zum einen hängt es vom Alter der Kinder ab. Kinder die heute die Jahrgänge 1-3 besuchen, kennen kaum eine andere Art von Schule als jene, die stark durch die Pandemie beeinflusst ist. Hier sind zumindest die Auswirkungen auf die Lernbereitschaft nicht ganz so groß, da die Kinder keinen Vergleich haben. Jugendliche der Klassenstufe 10 oder höher sind oft aufgrund der anstehenden Abschlussprüfungen so motiviert, dass sie die Lernbereitschaft aufbringen können bzw. müssen. Besonders auffällig finde ich den Verlust der Lernbereitschaft bei Kindern zwischen der Jahrgang 4 und 9, sprich den Kindern zwischen zehn und 15 Jahren. Diese erinnern sich, wie Schule vorher waren und sind zusätzlich monatelang im Homeschooling gewesen. Verständlicherweise sind diese Kinder mit der Motivation am Ende. Außerdem hängt das davon ab, wie stark die Kinder vorher in der Schule waren und wie viel Unterstützung sie zu Hause erfahren. War ein Kind schon immer gut in Mathe oder hat Eltern, die Zeit und Mathe-Kenntnisse haben, um zu helfen, dann wird ein Kind verhältnismäßig gut durch den Unterricht kommen, ohne zu verzweifeln. Sitzt ein Kind jedoch monatelang zu Hause und hatte bereits vor der Pandemie Schwierigkeiten in Mathe oder können die Eltern nicht mehr immer helfen, kann der Unterricht in Zeiten der Pandemie eine echte Herausforderung werden. Und die Kinder verlieren immer mehr die Motivation selbstständig am Ball zu bleiben.

Welchen Einfluss hat das Homeschooling?

Miriam Bach: Sicherlich gibt es Schülerinnen und Schüler, die das Homeschooling insgesamt positiv bewerten. Jedoch sind es auch hier oft die individuellen Voraussetzungen, die darüber entscheiden, ob das Homeschooling als „angenehm“ oder „furchtbar“ beurteilt wird. Entscheidend ist, ob Kinder über die notwendigen technischen Voraussetzungen verfügen und ob ein Eltern- oder Großelternteil vor Ort ist, der z.B. bei technischen Fragen oder Hausaufgaben unterstützen kann. Andernfalls wird Homeschooling schnell zur Qual. Schließlich hängt das „Erlebnis Homeschooling“ auch davon ab, wie dieses von Lehrerinnen und Lehrern ausgestaltet wird. Die Angebote unterscheiden sich teilweise dramatisch. Ich kenne Fälle, in denen die Lehrkräfte eine unpersönliche Mail mit Arbeitsaufträgen versenden, die dann nicht einmal korrigiert werden. Andere Lehrkräfte hingegen gestalten Unterrichtsstunden mithilfe von Video-Konferenzen, erstellen Wochenpläne, lassen sich Aufgaben zusenden, um Feedback zu geben und fahren persönlich Pakete zu den Kindern, um z.B. gemeinsam Fastnacht feiern zu können.

Wie schätzen Sie das ein: Wird irgendwann ein Gewöhnungs­effekt eintreten?

Miriam Bach: Ich hoffe sehr, dass sich alle Beteiligten nicht an Unterricht unter Pandemie-Bedingungen gewöhnen müssen. Wenn ich persönlich an meine Schulzeit zurückdenke, dann denke ich an Klassenfahrten, Ausflüge, Übernachtungen in der Schule und lustige Partner- bzw. Gruppenarbeiten. All diese Erlebnisse sind in den vergangenen zwei Jahren ausgefallen und können auch nur bedingt nachgeholt werden. Wo jedoch ein Gewöhnungseffekt eintreten kann und auch sollte, ist bei der stärkeren Digitalisierung der Schulen und der digitalen Begleitung des Unterrichts – etwa mit digitalen Vertretungsplänen, Schulportalen zur Sammlung von Hausaufgaben und Terminen oder mit der kurzfristig Umstellung auf Videokonferenzen, wenn z.B. eine Sturmwarnung ausgesprochen wird. An diese Vorteile können wir uns gerne gewöhnen, aber Abstand, Maske und der Ausfall von Klassenfahrten ist dauerhaft wohl kaum erstrebenswert. Immer öfter berichten Kinder, dass ihnen die Schule als sozialer Raum fehlt.

Was sollte die lokale und regionale Politik künftig unternehmen, um die Situation für alle Beteiligten, Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte, zu verbessern?

Miriam Bach: Ich denke, dass wir im Kreis Groß-Gerau und in Nauheim, wo ich wohne, auf einem sehr guten Weg sind. Mit der Schulbauinitiative investiert der Kreis ca. 500 Millionen Euro, damit jede Schule auf den neusten Stand kommt. Glasfaseranschluss und WLAN sind im Kreis vielerorts schon Realität. Digitale Tafeln und Ähnliches sorgen dafür, dass Lehrerinnen und Lehrer ohne zusätzlichen Aufwand den Unterricht digital begleiten können.

Wie sieht es in ihrer Heimat­gemeinde aus?

Miriam Bach: Nauheim hat, da wir kein eigener Schulträger sind, nur bedingt Einfluss auf die Situation an unserer Schule. Was wir jedoch getan haben und was aus meiner Sicht auch dringend notwendig war, ist, dass wir im Haushalt das Budget für die Hausaufgabe-Hilfe verdoppelt haben. Neben den Aktivitäten, die in den Schulen in den vergangenen zwei Jahren ausgefallen ist, ist leider auch viel Unterrichtsstoff nicht oder nur unzureichend behandelt worden. Allein das regelmäßige Testen hat dafür gesorgt, dass zu Beginn eines „Test-Tages“ mind. 20 Minuten verloren gehen. Insbesondere bei der selbstständigen Bearbeitung der Hausaufgaben kommen dabei immer häufiger Fragen auf. In Nauheim bietet die Gemeinde dafür eine tolle Unterstützung an und ich werbe sehr dafür, diese bei Bedarf auch in Anspruch zu nehmen.

Und was wurde versäumt?

Miriam Bach: Ich finde es zunächst beachtlich, was geleistet wurde. Versäumt wurde meiner Meinung nach nicht während, sondern vor der Pandemie. Insbesondere im Bereich der Digitalisierung hat die Pandemie uns wie eine Art Brennglas aufgezeigt, was alles zu tun ist. Zwar ist der Kreis Groß-Gerau. was die Schulgebäude betrifft, gut aufgestellt, doch insbesondere auf der Landesebene hätte ich mir in den vergangenen Jahren mehr Bewegung gewünscht. Das beginnt bei der Ausstattung der Lehrkräfte mit Laptops. Während der Pandemie ist dies zwar erfolgt, doch vor der Pandemie wäre es für viele Lehrkräfte hilfreich gewesen, nicht alle Arbeiten am privaten Rechner zu erledigen. Es will ja auch niemand, dass die Mitarbeiter des Finanzamtes unsere Steuererklärungen auf ihrem privaten Laptop bearbeiten. Für Lehrkräfte sollte das auch gelten. Weiter geht es mit der Ausstattung der Schulen mit digitalen Lehrwerken. Die kurzfristigen Schulschließungen haben gezeigt, dass es eine logistische Herausforderung sein kann, alle Lehrbücher und Arbeitshefte der Kinder rechtzeitig nach Hause zu schaffen. Und zuletzt müssen Lehrkräfte auch deutlich umfassender in der Benutzung von digitalen Medien geschult werden. Auch hier sehe ich insbesondere das Land Hessen als Arbeitgeber in der Verantwortung.

Haben Sie Ratschläge für Betroffene?

Miriam Bach: Der aus meiner Sicht wichtigste Ratschlag ist: „Es ist keine Schande Hilfe in Anspruch zu nehmen“. Sollten Schülerinnen und Schüler in einem Fach völlig den Anschluss verloren haben, oder sich pandemiebedingt in der Schule unwohl fühlen, dann ist es völlig in Ordnung die eigene Lehrkraft, die Schulsozialarbeit oder die Schulpsychologen anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Auch Hausaufgaben-Hilfe oder Nachhilfe-Angebote sind in unserer Umgebung ausreichend vorhanden und z.B. durch die Angebote der Gemeinde auch für jeden Geldbeutel geeignet. Als Nachhilfelehrerin versuche ich meinen Schülerinnen und Schülern immer wieder zu erklären, dass es nicht peinlich ist, sich Hilfe zu suchen. Und leider müssen wir alle auch gezielter auf die mentale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen achten. Man liest immer öfter, dass gerade bei Schülerinnen und Schülern die Zahl der Depressions- oder Burn-Out-Diagnosen stark zunimmt. Ich hoffe sehr, dass es für Lehrkräfte an dieser Stelle möglichst zeitnah Schulungen geben wird, um möglichst schnell eingreifen zu können und den Kindern und Jugendlichen gezielt helfen zu können.

Zur Person: Miriam Bach (22) ist unter anderem Sprecherin der Jusos im SPD-Unterbezirk Groß-Gerau; jusos@spd-nauheim.de

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