Signal an die Politik

Von Rainer Beutel.

Trebur feiert 2022 das fünfzigjährige Bestehen des Fritz-Becker-Bads mit zahlreichen Veranstaltungen. Wer allerdings meint, bei dem Schwimmbad in gepflegter und idyllischer Umgebung handele es sich „nur“ um eine Freizeitstätte, übersieht, dass die Einrichtung auch kulturpolitisch von Bedeutung ist. Die Zusammenhänge erklärt im Interview mit WIR-Redakteur Rainer Beutel Hülya Tiril-Müller, Zweite Vorsitzende des Fördervereins „Schwimmbadfreunde Trebur“.

Frau Tiril-Müller, das Fritz-Becker-Bad ist ein halbes Jahrhundert alt, der Förderverein ist wesentlich jünger. Erklären Sie doch bitte, worum sich der Verein kümmert und warum es überhaupt zur Bildung eines Fördervereins gekommen ist?

Hülya Tiril-Müller: Der Gedanke reifte, als ich noch Mitglied des Treburer Gemeindeparlaments war; das war etwa Anfang 2017. Immer wieder kam in den Gremien das Thema „Freibad und die Kosten“ ins Gespräch. Dazu muss man wissen: Jede Kommune, die ein Schwimmbad betreibt, ist mit den Kosten allein. Gelegentlich gibt es anteilige Förderungen durch Bundes- oder Landesmittel, doch diese sind immer zweckgebunden und ja auch ein Ausgleich dafür, dass Schulklassen für ihren vorgeschriebenen Schwimmunterricht das Bad nutzen. Das ist jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Immer wiederkehrende Geldsummen, auf die man sich verlassen bzw. frei verfügen könnte, gibt es in der Regel nicht. Hinzu kommen bei einem Freibad das Risiko „Wetter“ und in den letzten zwei Jahren auch die Pandemie, die viel Einsatz gefordert und wenig in die Kassen gespült hat.

Verstehe, aber wie ging es los mit dem Förderverein?

Hülya Tiril-Müller: Gremienmitglieder der Gemeinde Trebur, das Schwimmbad-Team, DLRG und interessierte Bürgerinnen und Bürger kamen zusammen und haben sich Gedanken gemacht: Was können wir tun, um das Thema endlich vom Tisch zu bekommen? Wir wurden aktiv und machten uns schlau, z.B. zu den Themen Zustand des Freibads (Technik, Gebäude) und mögliche Rechtsformen. Recherche, Gespräche und Besuche in Gimbsheim, Hochheim (Genossenschaft) und Goddelau (Förderverein) haben mehr als ein Jahr gedauert. Die ersten beiden Optionen passten nicht zu Trebur und vor allem nicht zu dem was wir hätten leisten können. So kam es zur Gründung im Juni 2018.

Wer kümmert sich denn um was?

Hülya Tiril-Müller: Der Förderverein hat eine sehr deutliche Trennung der Aufgaben. Die Gemeinde Trebur ist der Betreiber des Bades und verantwortet das Personal, Technik, Gebäude, Gelände inklusive aller Kosten auch für Energie. Das Schwimmbad-Team bietet Schwimmkurse von Anfänger bis Bronze und Aquajogging an. Wir als Förderverein haben das Ziel, das Schwimmbad zu erhalten, die Interessen zu bündeln, mitzureden und mit den Mitgliedsbeiträgen, Förderergeldern, Spenden und Zuschüssen das Schwimmen zu fördern und auch die Attraktivität und das Angebot zu steigern. Mit Sicherheit ist ein Freibad, gerade im ländlichen Raum ohne Infrastruktur einer größeren Stadt, der Ort für Naherholung, Freizeit, Sport, ein Ort für Begegnungen und soziales Miteinander. Auch wenn es nirgendwo steht: Es ist auch ein deutliches Signal an die Politik zu senden, wie wertvoll den Bürgerinnen und Bürgern das Freibad ist.

Sie sagen, der Förderverein ist auch ein politisches Thema. Wie meinen Sie das?

Hülya Tiril-Müller: „Gelebte Bürgerbeteiligung“ ist spontan meine Antwort. Die Politik wünscht sich Bürgerbeteiligung. Mit der Gründung des Fördervereins haben wir uns beteiligt und Verantwortung übernommen. Mut, gemeinsam zu beschließen und am Ende in Taten umzusetzen bzw. den Förderverein zu gründen. Jede Bürgerinitiative ist immer ein starkes Signal an die Politik, die Wünsche der Bevölkerung ernst zu nehmen und auf politischem Weg Taten folgen zu lassen. Ich beziehe da auch die Kreis-, Landes- und Bundesebene mit ein. Das Thema „Schwimmbadsterben“ und „Nichtschwimmer“ hat dramatische Ausmaße angenommen, und noch immer wird nicht angemessen dagegen gesteuert. Wir haben einiges im „Kleinen“ erreicht und werden weiterhin, so gut wir können, für unser Freibad alles tun. Ein wichtiges Signal uns gegenüber war z. B., dass unsere Gemeinde Mitglied im Förderverein geworden ist und dass die Gemeindevertretung per Beschluss die Unterstützung zugesichert hat. Das ist weniger monetär als ideell zu verstehen.

Das reicht an Unterstützung?

Hülya Tiril-Müller: Nein, wir werden auch aus der Nachbarkommune Nauheim unterstützt; sie ist ebenfalls Mitglied des Fördervereins. Unsere Badegäste kommen ja auch aus der Nachbarschaft und natürlich aus Schülern der eigenen und der Nachbarkommunen. Interessant ist: Das Kultusministerium schreibt den Schwimmunterricht in Hessen flächendeckend vor. Ein Schulkind soll demnach einmal während der Grundschulzeit und einmal während der Mittelstufe ein Schuljahr durchgehend Schwimmunterricht erhalten. Doch die Unterstützung in ausreichendem Maß, z. B. durch das Kultusministerium, ist nirgends manifestiert. Ich, ganz persönlich, wünschte mir, eine Allianz zwischen Land/Kreis/Kommunen mit dem Ziel: Wir finden eine Lösung, für mehr „Schwimmer“ und „Nassliebende“. Käme es so weit, werde ich mich nicht aus der Verantwortung ziehen. Sprecht mich an, und ich bin ein Teil der Allianz z. B. als sachkundige Bürgerin.

Woher stammen weitere Einnahmen, gerade im Hinblick auf die Jubiläumsveranstaltungen und die Investitionen ins Freibad?

Hülya Tiril-Müller: Die Veranstaltungen tragen sich selbst, so ist es konzipiert. Oder, durch Förderer die sich einbringen. An dieser Stelle ein großes „Danke an alle Freunde des Schwimmbads“, nur mit Euch ist da alles möglich. Die Investitionen werden durch die Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert. Das ist zwar mit etwa 200 zahlenden Mitgliedern (bei einem Betrag von 19,72 Euro – 1972 war das Gründungsjahr) nicht sooo viel, doch wie heißt es: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Inwiefern profitieren andere Kreiskommunen von der Treburer Einrichtung?

Hülya Tiril-Müller: Das Freibad ist in den Sommermonaten ein wichtiger Ort der Begegnung, für junge als auch für ältere Menschen, es ist als Sportstätte und Familienbad geschätzt. Und das Einzugsgebiet ist groß. Eine empirische Umfrage der Schwimmbadfreunde (1300 Personen) aus dem Jahr 2017 belegte dies. Hierbei kam heraus, dass die Badegäste zu 50 Prozent aus Trebur kommen und die restlichen aus Rüsselsheim, Nauheim, Königstädten, Bauschheim, Bischofsheim, Ginsheim, Leeheim, Riedstadt, Büttelborn und Wallerstädten. Auch aus Mainz kommen die Besucher gerne über den Rhein. Und, dass, was für die Besucher besonders ist am Fritz-Becker-Bad, ist das familiäre Klima, das Sicherheitsgefühl und die Sauberkeit. Der Umgang mit und für die Badegäste. Das ist sicherlich vor allem der Verdienst der „Schwimmbadfamilie Sparkuhl“, denn erst leitete Friedel Sparkuhl (1974 bis 2000) und dann seine Tochter, Elke Sparkuhl (2000 bis heute), das Schwimmbad.

Wie entwickeln sich die Mitgliederzahlen im Förderverein und welchen Einfluss hat darauf die Schwimmausbildung?

Hülya Tiril-Müller: Die Mitgliederzahlen sind konstant um 230, davon sind ca. 30 Kinder, die keine Beiträge zahlen, bis sie 18 Jahre alt sind. Wir wünschen uns noch mehr Schwimmbadfreunde, denn mit den Mitgliedsbeiträgen finanzieren wir die Anschaffungen. Doch bedenkt man die Anforderungen an Sicherheit und Qualität, Vorschriften und Auflagen, wird es immer hochpreisig. Da könnten wir mit 1000 Mitgliedern viel mehr auf die Beine stellen. Ein Beispiel: Die Anschaffung der Elefantenrutsche für Kinder am Nichtschwimmerbecken kostete knapp 7.000 Euro, Und das auch nur, weil es Kratzer im Lack hatte und daher „günstig“ war. Die Schwimm-Aktivitäten bzw.-Kurse werden neben dem Schwimmbad-Team auch von der DLRG (Rettungsschwimmkurs und Kinder-Anfänger-Kurs) und dem TV Trebur (Aquafitness und Reha-Fit) durchgeführt. Damit sind die Kapazitäten des Möglichen am Abend erreicht, und morgens sind die Schulen im Freibad.

In der Tagespresse liest man ab und zu von den Investitionen des Fördervereins. Beschreiben Sie bitte, welche Errungenschaften im Freibad auf den Förderverein zurückzuführen sind?

Hülya Tiril-Müller: Das ist einiges in nur vier Jahren. Nach dem Vandalismusschaden am wasserspeienden Seehund am Kleinkindbecken, dem im Dezember 2021 der Kopf abgeschlagen wurde, gab es großes Entsetzen und gleich drauf einen unglaublich erfolgreichen Spendenaufruf. In nur vier Wochen hatten wir über 6.300 Euro und konnten pünktlich zum Saisonstart einen Neuen anschaffen. Desweitern haben wir investiert in: Umkleideschnecke auf der hinteren Wiese, Edelstahl-Garderobe mit Uhr am Schwimmerbecken, Elefantenrutsche am Nichtschwimmerbecken, Babysitze für Duschen, Spieltische, Wickeltische in den Sammelumkleiden, Malprojekt mit „Kunst für Kids“ an der Schwimmbadmauer, Leihliegen und eine Bildermalaktion mit Schwimmbadkalender. Neuigkeiten gibt es immer im Internet unter www.schwimmbadfreunde.org

Zur Person: Hülya Tiril-Müller ist stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Schwimmbadfreunde Trebur e.V.; Kontakt: vorstand@schwimmbadfreunde.org

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