Spuren der Vergangenheit

Von Rainer Beutel.

Das WIR-Land bietet mehr reizvolle Ziele als gemeinhin bekannt. Einige locken mit der Chance, in vergangene Zeiten einzutauchen und anzuschauen, was davon übriggeblieben ist, beispielsweise beim alljährlichen Tag des offenen Denkmals. Wenn sich dann überraschend viele Teilnehmer einfinden, lohnt es sich, mal nachzuhaken, dachte sich WIR-Redakteur Rainer Beutel, etwa bei Hans Joachim Brugger vom Vorstand des Nauheimer Heimat- und Museumsvereins.

Herr Brugger, am 11. September, dem bundesweiten Tag des offenen Denkmals, kam es zu einem Menschenauflauf am Jagdschloss Mönchbruch. Plötzlich richteten sich dort Hunderte Augenpaare auf Sie. Was war da los?

Hans Joachim Brugger: Eine überregionale Werbung für den Tag des offenen Denkmals in vielen Medien hat diese Besichtigung mit Führung im Jagdschloss bekannt gemacht. Vielleicht haben auch einige Besucher das Wort „Jagdschloss“  mehr auf den Begriff „Schloss“ reduziert und demnach eine historische Einrichtung mit viel Pomp erwartet. Jagdschlösser dienten aber vorwiegend der Jagd und zu kurzen Aufenthalten und waren deshalb zweckdienlich und einfach ausgestattet.

Sie befassen sich seit Jahren mit dem Landgrafen Ernst Ludwig. Warum eigentlich? 

Hans Joachim Brugger: Landgraf Ernst Ludwig hat im Raum Darmstadt viele Jagdschlösser beziehungsweise Jagdpavillons gebaut. Zwei davon liegen an der Nauheimer Gemarkungsgrenze: Mönchbruch und das Jagdschloss Wolfsgarten am Nauheimer Oberwald, der bis 1954 ein Gemarkungsteil Nauheims war, ehe er der Gemarkung Mörfelden zugeschlagen wurde. Beide und natürlich die anderen sind nahe Ausflugsziele, die Nauheimer gerne ansteuern und kennen sollten.

Mehrere Exkursionen zu prächtigen Bauten des Landgrafen und anderen Relikten seiner Zeit haben sie organisiert und angeführt. Was ist aus Ihrer ganz persönlichen Sicht das Besondere daran?

Hans Joachim Brugger: Der Landkreis Groß-Gerau hat nicht so viele markante Schlösser oder Burgen. Die wenigen im Kreis und den angrenzenden Landkreisen werden deshalb meines Erachtens umso wichtiger und interessanter für Besuche, und man sollte etwas über sie wissen.

Hat das Wirken des Landgrafen für unsere Zeit noch positive oder negative Folgen?

Hans Joachim Brugger: Landgraf Ernst Ludwig regierte 50 Jahre als absolutistischer Barockfürst und prägte die Residenzstadt Darmstadt maßgeblich hinsichtlich ihrer Bebauung. Er war prunksüchtig, sehr ich-bezogen, verschwenderisch, aber er hinterließ Spuren, nämlich viele Bauten, davon rund zehn Jagdschlösser und -pavillons. Ein Vorbild für heutiges Verständnis war er beileibe nicht.

Könnte unsere Region von dem Thema auch touristisch profitieren? Immerhin sorgen Sie ja mehr oder weniger regelmäßig für großes Interesse.

Hans Joachim Brugger: Ja, die Jagdbauten, das Residenzschlosses Darmstadt, die Orangerie in Bessungen, das Griesheimer Haus und vieles mehr werden touristisch genutzt. Allein das Jagdschloss Wolfsgarten lockt zu den beiden Öffnungsterminen mit der Rhododendrenblüte und dem Gartenfest im Herbst Tausende Besucher aus der Gegend von Heidelberg bis Bad Homburg an.

Gibt es im Nauheimer Heimatmuseum ausführlichere Informationen über den Landgrafen und dessen Zeit? Oder können Sie für unsere Leser andere Quellen nennen?

Hans Joachim Brugger: Das Heimatmuseum Nauheim hat neben überregionaler Literatur keine Bezüge zu den Landgrafen und Großherzögen. Im Übrigen muss man diesen einen Landgrafen und die Vorgänger und Nachfolger sowie  die späteren Großherzöge in Zusammenhang sehen als „die Landgrafen“ von Hessen-Darmstadt, die auch jeweils ihre Spuren hinterlassen haben. Der Bedeutendste war der letzte Großherzog Ernst Ludwig Karl Albrecht Wilhelm von Hessen und bei Rhein, der von 1892 bis 1918 regierte und 1937 in Wolfsgarten starb. Über einige kann man etwas im Archiv des Museums finden. Zu intensiverer Recherche müssten aber externe Quellen genutzt werden, z.B. das Staatsarchiv Darmstadt oder das Schlossmuseum.

Welche anderen Ziele dieser Art bieten sich für einen Ausflug an, vielleicht sogar in der kälteren Jahreszeit?

Hans Joachim Brugger: Zum Beispiel ein Besuch der Rhododendrenblüte im Park von Wolfsgarten. Oder auch eine Radtour zur „Lustsäule“, dann zum ehemaligen Jagdschloss Wiesental – jetzt ein Forsthaus – und an der Nikolauspforte vorbei. Die „Lustsäule“ im Stadtwald von Groß-Gerau beruht auf einem Jagdlager des Erbprinzen und späteren Großherzog Ludwig III. (1848 bis 1877). Wiesental wurde unter Landgraf Ernst Ludwig erbaut (1725). Das Schloss Braunshardt in Weiterstadt wurde nicht von Ernst Ludwig errichtet, sondern wurde 1760 von Prinz Georg Wilhelm gebaut. Er bekam das Gut Braunshardt von seinem Vater, Landgraf Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt, geschenkt. Dieses Schloss ist gewiss auch einen Besuch wert.

Nochmal zurück zum Jagdschloss Mönchbruch: Es sieht äußerlich pittoresk aus, aber die Renovierungen aus privater Hand bzw. mit öffentlicher Unterstützung gehen nur langsam voran. Woran mag das liegen?

Hans Joachim Brugger: Ich kann nur vermuten, dass die sehr heruntergekommenen Räumlichkeiten nur mit hohem Aufwand denkmalschutzgerecht saniert werden können. Auch wenn ein Förderbescheid vorliegt, die andere Hälfte der Kosten ist durch die Eigentümerin erst einmal selbst aus dem laufenden Hotelbetrieb zu erwirtschaften.

Sie haben am Denkmaltag erläutert, dass gar nicht mehr alle Pavillons am Jagdschloss zu sehen sind. Was ist mit den anderen passiert?

Hans Joachim Brugger: Nach Abschaffung der Parforcejagd durch Landgraf Ludwig IX. (1768-1790), dem Enkel von Ernst Ludwig, waren die Jagdschlösser dem Verfall preisgegeben. Im Jahre 1836 wurden drei der sechs Pavillons öffentlich versteigert, abgerissen und an den neuen Standorten wieder aufgebaut. Der Pavillon „Komedienbau“ wurde von dem Bürger Adam Fischer in Bischofsheim errichtet. Der „Kavalierbau“ ging an Jakob Bausch in Worfelden. Das mittlere Gebäude, der „Herrenbau“ oder auch das eigentliche Schloss, ging für 2.225 Gulden an den Groß-Gerauer Posthalter Johann Peter Engeroff, der es an der Gabelung der Straßen nach Oppenheim und Mainz wieder aufbaute. Das Haus ging als „Die Alte Post“ in die Gerauer Geschichte ein. Die verbliebene Schlossanlage wurde von Großherzog Ludwig III. (1848-1877) ab 1855 wieder hergestellt; im westlichen der noch vorhandenen drei Pavillons, dem „Jägerbau“, wurde die Oberförsterei eingerichtet.

Zur Person: Hans Joachim Brugger (81) gehört seit vielen Jahren dem Vorstand des Museumsvereins an. In der Kommunalpolitik war er Vorsitzender des CDU-Gemeindeverbands und Erster Beigeordneter. Beruflich war Brugger als Offizier bei der Bundeswehr tätig.

Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt wurde am 15. Dezember 1667 auf Schloss Friedenstein in Gotha geboren. Er starb am 12. September 1739 auf Schloss Jägersburg bei Einhausen und war von 1678 bis 1739 Landgraf von Hessen-Darmstadt.

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.