Von Wissen und Gemeinschaftssinn

Von W. Christian Schmitt.

Mit der Reihe „Tischgespräche“ gibt das WIR-Magazin seinen Lesern Gelegenheit, unmittelbar am jeweiligen Geschehen mit dabei zu sein, Menschen, ihre Gedankenwelt und ihren Wirkungsbereich kennenzulernen. Diesmal hat uns Ulrike Burschel, stellv. Leiterin der Groß-Gerauer PDS (am 7. Juli 2020) in ihre Schule eingeladen, um uns u.a. über Problem-Lösungen in Zeiten von Corona zu informieren.

„We don´t need no education/we don´t need no thought control/no dark sarcasm in the classroom/teachers leave them kids alone…“ (Liedanfang von Pink Floyds „Another brick in the wall“)

Als Einstieg zu unserem WIR-Tischgespräch, das diesmal in einem Mathe-Saal der Prälat-Diehl-Schule stattfand, diente der Hinweis auf jenen Song der britischen Rockband, der 1979 erschien, sich gleichermaßen zum Ohrwurm wie Superhit entwickelte und in der Übersetzung beginnt mit den Zeilen: „Wir brauchen keine Erziehung. Wir brauchen keine Gedankenkontrolle. Keinen finsteren Sarkasmus im Klassenzimmer. Hey, Lehrer, lass diese Kinder in Ruhe!“.

Künstlerische Freiheit hin oder her: In der Realität, im Schulalltag sieht allerdings vieles ganz anders aus. Ulrike Burschel, seit nahezu einem Vierteljahrhundert an diesem Gymnasium als Lehrerin (für Mathematik und Physik) tätig, erzählt uns von ihrem Schulalltag. Die Pädagogin, die (mir) durch ihr herzliches Lachen in Erinnerung geblieben ist, sagt unmissverständlich, worum es heute in der Schule geht: Um Bildung und den Erwerb von Kompetenzen. „Ganz wichtig“, so erklärt sie, sei, dass „Kinder nicht nur den Satz des Pythagoras auswendig können“, sondern dass Schule „ganz viel mit Interaktion“ zu tun habe. Jugendliche müssten heute flexibler sein als z.B. zu Zeiten, als ich dieses Lerninstitut besuchen durfte (was nachzulesen ist in dem Beitrag „Lernen für die Schule oder schon fürs Leben?“, den das WIR-Magazin in seiner Ausgabe Nr. 289 vom 25.1.2020 veröffentlichte).

Wir befinden uns in einem Raum „mit Corona-Bestuhlung“. D.h., hier ist viel Platz geschaffen für wenige(r) Schüler, die zudem frontal zur Tafel und zur Lehrkraft sitzen, „was die Interaktion der Schüler untereinander erschwert“. Was ist heute in der Schule wichtig, frage ich die stellv. Schulleiterin. „Schüler sollen lernen“, sagt sie, „sich gegenseitig zuzuhören, Argumente auszutauschen, in der Diskussion aufeinander zuzugehen“. Mehr: „Eine mittelfristige Lebensplanung“ gehöre überdies zu dem, „was ich meinen Schülern vermitteln möchte“. Das ist wohl bei weitem mehr, als uns vor einem halben Jahrhundert versucht wurde, in dem Fach „Gemeinschaftskunde“ nahezubringen. Auch meine Frage, inwieweit im Jahr 2020 Schulwelt und Alltagswelt sich noch unterscheiden, scheint damit fast schon beantwortet.

Auf meiner Liste stehen noch einige weitere Fragen. Z.B.: Welche Rolle spielen Klausuren? Welche die darin vermerkten Noten? Wie weit hat Schule sich gesellschaftlichen Problemen gegenüber „geöffnet“? Inwieweit ist das, was Schüler via Medien „erleben“, Teil des Unterrichts? Welche Mitsprache wird Schülern wie Eltern heute eingeräumt? Und: Warum gibt es nicht – wie seinerzeit – eine eigene Schülerzeitung? Wichtig sei, so Ulrike Burschel, „der Dialog Lehrer Schüler“. Sie sage ihren Schülern, dass sie „mit einer Frage den Unterricht vorantreiben, was ganz, ganz wichtig ist“.

Und dann zählt sie einiges von dem auf, was die PDS besonders auszeichne. Da seien z.B. im Geschichtsunterricht die „Zeitzeugen-Gespräche“, die diversen Wettbewerbe in den Bereichen Mathematik oder Musik (wo man mit der hiesigen Musikschule kooperiere), wo Schülern auf vielfältige Art und Weise die Möglichkeit geboten werde, „sich zu beweisen“. Sie selbst, erzählt sie quasi nebenbei, musiziere – wenn es die Zeit erlaube – mit der Familie im Orchester. Sie spiele Querflöte und Bassklarinette.

Und dann kommen wir auf das anhaltende Allzeit-Thema Corona zu sprechen: „Keiner rechnete damit“, sagt sie, „dass es zu solchen Verwerfungen im Schulbetrieb kommen würde“. Gemeint sind sich ständig ablösenden Verordnungen, Beschränkungen, Zwangspausen, Klassenverkleinerungen sowie Umplanungen. Und sie weiß, wovon da die Rede ist, denn sie ist u.a. auch noch zuständig für die Erstellung der Gesamtstundenpläne. Die Ausgangslage änderte sich quasi im Tages- bzw. Wochenrhythmus. Rückblickend stellt sie fest: Es sei bislang „alles mit sehr viel Engagement gelaufen“. Wenn man sich vorstellt – und den Vergleich erlaube ich mir -, dass die Schule nahezu ähnliche Probleme zu lösen hatte, wie sie in einem Wirtschaftsunternehmen (mit Vorständen und Abteilungsebenen) auftraten. Ulrike Burschel: „Ein Riesenaufwand, der sich durchaus gelohnt hat. Es war für Schüler unheimlich wichtig, dass sie erleben konnten, was es heißt, ein Stückchen Normalität wiederzuerlangen“. Für sie erstaunlich zu registrieren, „wie Schüler mit Corona umzugehen verstanden. Aber wir müssen weiterhin äußerst flexibel sein“. Dies im Blick sowohl auf Schüler wie auf Lehrkräfte und all die betroffenen Eltern. Dabei musste „jede Schule ihr eigenes System finden“, wie mit Corona umzugehen sei.

Da sogar die Abiturienten-Entlassungsfeier durchgeführt werden konnte (allerdings zu Corona-Bedingungen), frage ich die stellv. Schulleiterin zum Abschluss unseres Gesprächs noch: Was hätten Sie Ihren Schülern zum Abschied von der Schule gerne noch mitgegeben. Ihre Antwort: „Hoffentlich hatten sie eine gewinnbringende Schulzeit. Nicht nur, was das erlernte Wissen, sondern was die Gemeinschaft, was das Soziale betrifft“.

Zur Person: Ulrike Burschel, 1968 in Hofheim am Taunus geboren, lebt im Groß-Gerauer Stadtteil Wallerstädten und arbeitet seit 1995 an der Prälat-Diehl-Schule, Groß-Gerau. Sie ist verheiratet und hat zwei jugendliche Kinder.

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